Schule oder Ausbildung?

= interessiert oder gewissenhaft? Wie der Bildungsweg unsere Persönlichkeit beeinflusst

Ob ihr nach der zehnten Klasse weiterhin die Schule besuchen wollt oder euch für eine Ausbildung und damit den Eintritt in das Berufsleben entscheidet, wirkt sich nicht nur auf den Alltag und den Freundeskreis aus, sondern beeinflusst offenbar auch die Persönlichkeitsentwicklung. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Grundlage war eine Langzeitstudie, die etwa 2.100 Jugendliche zunächst zum Zeitpunkt der Entscheidung für Schule oder berufliche Ausbildung und dann sechs Jahre später befragte. Das Ergebnis: Jugendliche, die sich für das Arbeitsleben entschieden hatten, waren zwar gewissenhafter geworden, dafür interessierten sie sich aber weniger für forschende, unternehmerische und soziale Tätigkeiten als Gleichaltrige, die bis zum Abitur die Schule besuchten.

Strengere Verhaltensregeln im Job
Ob die Entscheidung auf die Schule oder den Eintritt ins Berufsleben fiel, hing bei den Befragten natürlich auch davon ab, wie gut sie in der Schule waren, ob sie sich zutrauten, Abitur zu machen und welchen familiären Hintergrund sie hatten. Hatten die Eltern selbst einen niedrigeren Bildungsabschluss, waren die Schulleistungen schlechter und war das Vertrauen in die eigenen schulischen Fähigkeiten geringer, schlugen die Schüler_innen eher den beruflichen Weg ein. Dies hatte zur Folge, dass die sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin ausgeprägter wurden als bei denjenigen, die weiterhin zur Schule gingen. Den Grund dafür sehen die Forscher_innen darin, dass Auszubildende eine Umwelt erleben, in denen es klar definierte Anforderungen und strengere Verhaltensregeln als in der Schule gibt und die Zuverlässigkeit einzelner Personen für das gesamte Team wichtig ist. In Bezug auf andere Persönlichkeitsmerkmale wie emotionale Stabilität, Verträglichkeit oder Offenheit konnte die Studie allerdings keine Unterschiede feststellen.

Weniger Interesse an Forschung und sozialen Fragen
Dafür interessierten sich die Jugendlichen, die sich für eine Ausbildung entschieden hatten, nach sechs Jahren weniger für forschende Tätigkeiten, zum Beispiel in einem Labor zu arbeiten oder Sachverhalte zu beobachten und zu analysieren. Auch zeigten sie weniger Interesse an sozialen Tätigkeiten, wie sich um andere Menschen zu kümmern oder sie zu unterrichten und sie waren weniger an unternehmerischen Tätigkeiten interessiert, die man Geschäftsführern oder Managern zuschreibt, wie beispielsweise ein Team zu führen oder mit anderen zu verhandeln. Letzteres dürfte Arbeitgebern allerdings nicht gefallen, denn sie brauchen ja Fachkräfte, die solche Aufgaben übernehmen.

„Dass die Gewissenhaftigkeit steigt und sich die Interessen an bestimmten Tätigkeiten verändern, könnte daran liegen, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die plötzlich im Berufsleben stehen, in neue Rollen hineinwachsen müssen, für die bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen erforderlich sind und auch belohnt werden“, erklärt Ulrich Trautwein, einer der Autoren der Studie. „Die Befunde zeigen erneut die Bedeutung der Lernumgebung auf die Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen auf – auch jenseits der erworbenen Fähigkeiten.“ Und er fordert Wissenschaft und Praxis auf, ein noch besseres Verständnis von der Qualität und den Effekten von Schule und Ausbildung zu bekommen.

Die Ergebnisse wurden nun in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht.

Quelle:

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