Veer & Zaara

Mitschmachten, wenn die Liebe siegt

Der indische Pilot Veer Pratap Singh rettet das Leben der jungen Pakistanerin Zaara, die nach Indien gekommen ist, um die Asche ihrer verstorbenen indischen Amme zu verstreuen. Die beiden verbringen nur zwei Tage zusammen, bevor Zaara in ihre Heimat zurückkehren muss, um eine arrangierte Ehe mit einem anderen Mann einzugehen, aber diese kurze Zeit verändert das Leben der beiden für immer.

22 Jahre später übernimmt die junge pakistanische Menschenrechtsanwältin Saamiya Siddiqui ihren ersten Fall, der darin besteht, Veer, der die vergangenen zwei Jahrzehnte schweigend in einem pakistanischen Gefängnis verbracht hat, von seinem Spionageverdacht zu befreien. Zunächst will er nicht einmal seiner Anwältin erzählen, wie es zu seiner Verhaftung kam, aber mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es Saamiya schließlich, die ganze Geschichte ans Licht zu bringen.

*Sinnliche Lieder*
Dies war mein erster Bollywood-Film. Ich hatte vorher zwar schon sehr viel Theoretisches über die Produkte der indischen Filmindustrie gelesen – über ihre Farbenprächtigkeit, ihre Musik und ihre vorhersehbare Handlung und ihren Hang zum Kitsch – aber so richtig habe ich nie die Motivation aufgebracht, diese Wissenslücke zu schließen und mir einfach mal einen anzusehen, weil ich mir immer dachte, das ist sowieso nichts für mich. Tja, falsch gelegen. Dieser Film hat von der ersten Szene an mein Hirn übernommen und mich Sachen genießen lassen, die mich sonst die Wände hätten hochgehen lassen vor Kitsch. Und kitschig ist diese grenzüberschreitende Saga der wahren Liebe tatsächlich, aber der Schmalz wird angenehm verdünnt von wunderschönen Landschaftsaufnahmen, gelegentlichem Humor und Liedern, so sinnlich, dass man sie fast auf der Haut spüren kann.

*Drei Stunden Kurzweil*
Obwohl ich das natürlich nicht nach nur einem Film beurteilen kann, habe ich außerdem den Eindruck, dass Veer&Zaara noch bei Weitem nicht der klischeebeladenste Film seines Genres ist. Zwar ist alles ein wenig einfacher als im richtigen Leben: Konflikte zwischen Ländern lösen sich in Luft auf, Antagonisten haben plötzlich einen Sinneswandel und brechen spontan in pathosgetränkte Reden über ihre neuen Werte aus, und niemand will der wahren Liebe ernsthaft im Wege stehen. Aber andererseits ist dies ein Film, der all seine Charaktere mit Respekt behandelt, auch die „bösen“, indem das unvermeidbare Happy-End noch lange nicht ungetrübt ist. Überhaupt fand ich den Film bedeutend weniger vorhersehbar als erwartet. Es gab sogar Stellen, an denen ich (naiv wie ich bin) ernsthaft Zweifel hatte, dass es überhaupt noch ein Happy End gibt. In seinem Interview auf der Bonus-DVD erzählt Regisseur Yash Chopra, das er deshalb sieben Jahre lang eine kreative Pause eingelegt hat, weil er, bevor ihm dieses Drehbuch in die Hände fiel, Probleme hatte, noch eine Geschichte zu finden, die es wert ist, verfilmt zu werden. Und selbst ich als absolute Bollywood-Anfängerin hatte doch den Eindruck, dass er nach seiner langen Pause einige neue Ideen mitgebracht hat. Doch was letztendlich am meisten zählt, ist, dass ich mich in drei Stunden keine einzige Minute gelangweilt habe.

*Einzigartige Stimmung*
Oh, und wo wir gerade schon bei der Musik waren: Selbst wenn der Rest des Filmes komplett in die Hose gegangen wäre, gäbe es mindestens zwölf Szenen, die ich wieder und wieder ansehen würde, und das sind die Lieder. Für Veer & Zaara wurden neun bisher unveröffentlichte Lieder des seit 30 Jahren verstorbenen Komponisten Madan Mohan neu aufgenommen und mit neuen Texten versehen. Jedes dieser Lieder bringt eine einzigartige Stimmung in den Film, und es sind mehrere dabei, die ich mir seit Tagen pausenlos von der Bonus-DVD aus anhöre. Ob flotte Gute-Laune-Klänge zum Mittanzen oder herzzerreißende Sehnsucht-Musik – jedes Lied ist einmalig und nicht wenige sind unvergesslich.

*Poppigbunte Gesellschaftskritik*
Am Anfang war ich auch gerade deshalb ein wenig skeptisch, weil ich dachte, dass die grenzüberschreitende Liebe zwischen einem Inder und einer Pakistanerin doch gerade für einen indischen Regisseur noch ein etwas heikles Thema sein muss. Immerhin ist die neueste gewalttätige Episode im nicht enden wollenden Konflikt zwischen diesen beiden Ländern ja erst sechs Jahre her. Ich bin mir nicht sicher, was ich erwartet hatte (Anti-pakistanische Propaganda? Verkrampfte Political Correctness?), aber letztendlich ist Drehbuchautor Aditya Chopra gut damit gefahren, sich sehr stark auf die Gemeinsamkeiten zwischen Indern und Pakistanern zu konzentrieren und ansonsten einfach die Geschichte von höchst interessanten Menschen zu erzählen. Überhaupt ist dieser Film mit einer Gesellschaftskritik beladen, die genauso poppigbunt und unsubtil daherkommt wie seine Romanzen, was mich in so ziemlich jedem anderen Zusammenhang vermutlich unheimlich gestört hätte. Hier jedoch fügt sich die Botschaft der Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern, Völkern und Religionen so nahtlos in die allgegenwärtige Wohlfühl-Stimmung ein, dass einem gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als zur Endmelodie mitzuschmachten, wenn am Ende die Liebe, die Menschenrechte und die indisch-pakistanische Freundschaft siegen.

Autorin / Autor: zachanassian - Stand: 16. Januar 2006