DER LANGE WEG ANS LICHT
Ein etwas unkonventioneller, aber toller Film, von dessen Machart sich langweilige Bio-Lehrfilme einiges abkucken könnten.
„Der lange Weg ans Licht“ ist kein Film, der einfach zu erfassen ist, schon gar nicht in Worten. Regisseur Douglas Wolfsperger nähert sich in 100 Minuten einem für einen Kinofilm mehr als ungewöhnlichen Thema – hier steht nicht eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt, die dann vielleicht irgendwann zu einem gemeinsamen Kind führt, sondern der Fokus liegt ganz auf Schwangerschaft und Geburt selbst.
Trotzdem handelt es sich beim „langen Weg“ keineswegs um eine langweilige Dokumentation. Denn mit der Protagonistin Edeltraut Hertel steht eine so vielseitige Frau im Mittelpunkt, dass jede Minute des Films voller Leben steckt. Der Zuschauer erfährt, wie die Hebamme zu ihrem Beruf gekommen ist, welche Umwege sie auf diesem Weg gemacht hat und wie sie trotz strenger Ausreiseauflagen noch zur Zeit der DDR nach Tansania reisen und dort Geburtshilfe leisten konnte. Aufnahmen zeigen sie dort bei ihrer Arbeit und erklären, welche Rolle unter anderem deutsche Hebammen in der Entwicklungshilfe gespielt haben, welche Fehler dabei aber auch manchmal gemacht wurden und wo noch immer die Tradition überwiegt. Etwa herrscht unter den tansanischen Frauen immer noch die Ansicht, es sei gefährlich für das Kind, wenn die Mutter während der Geburt schreit.
Gleichzeitig wird Hertels Heimatstädtchen Meerane portraitiert, ein Ort in der sächsischen Provinz, in dem Nachwuchs so selten geworden ist, dass um jede Entbindung gewetteifert wird. So stellt Wolfsperger auch ganz nebenbei die verschiedenen Möglichkeiten vor, die sich einer Schwangeren für die Geburt bieten: Kreissaal, Hausgeburt oder vielleicht doch lieber Geburtshaus? Was ist wichtiger, kreativ-bunte Vorbereitung und die richtige Einstellung oder eine Umgebung, die auch noch gegen die letzte Komplikation abgesichert ist? Vertreter aller Richtungen kommen zu Wort, allerdings stellt sich am Ende des Films – zumindest für mich – die Frage, warum eine werdende Mutter immer noch dafür entscheiden sollte, im Krankenhaus zu entbinden, wenn sie auch die Hilfe einer unabhängigen Hebamme in Anspruch nehmen und Zuhause ihr Kind zur Welt bringen könnte.
Alles in allem ein etwas unkonventioneller, aber toller Film, von dessen Machart sich langweilige Bio-Lehrfilme einiges abkucken könnten.
*Erschienen bei: Farbfim Verleih*
Autorin / Autor: pfefferminztea - Stand: 17. November 2008