Es ist schön für jemanden da zu sein

Elena, 18, besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums und ist Peer bei [U25]. Dort schreibt sie Mails an Jugendliche, die über Suizid nachdenken.

*Jeden Tag nehmen sich in Deutschland sechs Jugendliche das Leben. Bis jetzt hatte ich genau sechs Klienten und keiner von ihnen hat sich das Leben genommen.*
Also könnte man theoretisch  sagen, dass ich bewirkt habe, dass sich an einem Tag kein Jugendlicher in Deutschland das Leben genommen hat. Mal davon abgesehen, dass das so natürlich nicht stimmt, klingt das nicht schlecht, oder?
Was genau ich mache, ist eigentlich ziemlich einfach: Ich schreibe Mails an Jugendliche, die über Suizid nachdenken. Und das ist bestimmt die schönste Aufgabe, die ich je hatte. Ich kann nicht sagen, wieso das so ist, aber jeder Klient, mit dem ich während meiner Zeit bei [U25] Kontakt hatte, war irgendwie außergewöhnlich und unglaublich nett. Oft lese ich Sätze wie: »Danke, dass du mir zuhörst«, »Schön, dass es dich gibt« oder »Du machst es mir schwerer, mir das Leben zu nehmen«.
Bevor ich bei [U25] mitgemacht habe, war es für mich schwer vorstellbar, wieso jemand, der ungefähr genauso alt ist wie ich, nicht mehr leben möchte. Ich dachte immer: »Wie kann ein Leben ausreichen, um all die Dinge zu machen, die ich gerne machen würde, all die Dinge zu lernen, die ich gerne können würde, oder allein schon alle Bücher zu lesen, die ich gerne lesen würde?«
*Ich weiß nicht, wieso das so ist, dass ich so viel Glück hatte und andere so viel Pech.*
Manchmal fällt es schwer zu glauben, wie viele unglaublich schreckliche Dinge einer einzigen Person zustoßen können. Das ist natürlich der weniger schöne Teil unserer Arbeit. Jeder unserer Klienten hat eine Geschichte, die ihn dazu gebracht hat, das Leben nicht mehr lebenswert zu finden. Es gibt zum Beispiel Mails, die handeln davon, wie es ist, einen Menschen zu verlieren, das Gefühl zu haben, von den eigenen Eltern gehasst zu werden, vergewaltigt zu werden, geschlagen zu werden, nicht geschätzt zu werden, nicht verstanden zu werden, sich verstellen zu müssen, nicht gut genug zu sein, nicht zu wissen, was mit einem passiert, das Bedürfnis zu haben, sich zu betäuben, sich Schmerzen zuzufügen, nichts zu essen, den Wunsch zu haben, sein Leben zu beenden. Vielleicht ist das der Grund, wieso Suizid so ein Tabu Thema ist. Vielleicht machen uns die Geschichten, die hinter so einer Entscheidung stecken, zu viel Angst.
*Wenn ich von [U25] erzähle, entsteht oft eine Art betretenes Schweigen, und niemand weiß so recht, was er sagen soll.*
Aber wenn Suizid ein Thema wäre, dem in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, könnte das sicher dazu beitragen, einige Suizide zu verhindern
Das erste Mal habe ich in der Schule von [U25] gehört. 
Ich war sofort begeistert. Außer mir haben sich noch neun andere dieses Jahr dazu entschlossen,
Peerberater zu werden. Es folgten drei Monate Ausbildung. Je mehr Zeit verging, desto mehr mochte ich die anderen Peerberater und die Hauptamtlichen und fing an, mich auf jedes Treffen zu freuen.
Besonders spannend war das letzte Treffen. Feierlich werden Zertifikate übergeben, auf denen stolz die Worte »Ehrenamtliche Krisenbegleiterin« stehen, wir legen unseren eigenen Account an und übernehmen unsere ersten Klienten.
Die ersten Mails schreibe ich im Büro. Ich brauche eine halbe Ewigkeit für ein paar Zeilen. Ich bin aufgeregt, wenn die Mail gegengelesen wird, wenn ich auf »Senden« drücke, und ich bin in den nächsten Tagen jedes Mal aufgeregt, meine Mails zu checken, was ich alle fünf Minuten mache, während ich sehnsüchtig auf eine Antwort warte.
Das war im April 2012. Seitdem sind fast fünf Monate vergangen, in denen ich über 80 Antworten bekommen habe. Ich schreibe jetzt von zu Hause aus.
Wie oft ich dem Klienten schreibe, hängt davon ab, wie es ihm im Moment geht und wie suizidal er ist. Wie lange ein Kontakt mit einem Klienten dauert, ist sehr unterschiedlich.
Manchmal antwortet jemand schon auf die erste Mail nicht und manchmal überdauern Kontakte Jahre. Ich hatte auch noch keinen Klienten, bei dem es plötzlich steil bergauf ging. So wie ich das bisher kenne, ist es immer eher ein Auf und Ab mit kleineren Fortschritten.
Ich mag das Schreiben eigentlich sehr. Ich kann währenddessen Musik hören oder Tee trinken und ich kann auch zu Unzeiten schreiben, genauso wie die Klienten.
*Außerdem fällt es mir durch das Schreiben leichter, manches nicht so nah an mich heranzulassen.*
Ich denke, das wäre schwerer, wenn ich die Klienten treffen würde. Wenn mir doch etwas sehr nahegeht oder irgendwelche Fragen oder Probleme entstehen, kann ich die in unseren TEAM-Treffen
ansprechen.
Die Idee, die hinter [U25] steckt, ist, Jugendlichen, der Gruppe mit der höchsten Suizidversuchsrate, eine Beratungsform zu bieten, bei der sie anonym bleiben können und deren Inanspruchnahme möglichst wenig Überwindung kostet.
Unsere Klienten berichten oft von Gefühlen wie Überforderung, Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Viele, die sich an uns wenden, verletzen sich selbst oder haben eine Essstörung. Oft belastet sie auch ihr Verhältnis zu Familienmitgliedern oder Freunden. Einige, die sich an uns wenden, sind Opfer von (sexueller) Gewalt geworden.
Wir haben generell eine akzeptierende Haltung gegenüber Suizid, aber es freut uns natürlich jedes Mal sehr, wenn sich einer unserer Klienten für das Leben entscheidet.
Für mich hat sich durch [U25] schon auch etwas geändert. Zum Beispiel achte ich jetzt ganz automatisch auf Anzeichen von Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten.
*Mir fallen jetzt einige Dinge auf, die mir vor [U25] überhaupt nicht aufgefallen sind.*
Zum Beispiel, wenn jemand »Selbstmord« sagt, als ob das eine Straftat wäre. Mich beunruhigt es zum Beispiel auch, wenn ein Zug an mir vorbeifährt oder wenn auffällig viel Polizei am Bahnhof zu sehen ist.
Trotzdem finde ich es irgendwie beruhigend, ein paar Leuten ein bisschen helfen zu können. Oder es wenigstens zu versuchen. Auch, dass unsere Arbeit so unmittelbar ist, gefällt mir. So können wir alle kleinen Erfolge miterleben. Das ist das Schöne.
Wenn ich abends ins Bett gehe und denke, der Tag war irgendwie nichts, kann ich einfach meinen Computer anmachen und entweder Mails lesen, bei denen ich das Gefühl habe, geholfen zu haben, oder eine möglichst gute Mail schreiben, um das Gefühl zu haben, zu helfen. Das finde ich praktisch und eben beruhigend. Ich denke, ich werde auf jeden Fall bei [U25] mitmachen, solange ich noch zur Schule gehe, also noch ziemlich genau zwei Jahre. Ich würde danach erst mal gerne ins Ausland gehen, und wir dürfen nicht mit Klienten in Kontakt stehen, ohne an den TEAM-Treffen teilzunehmen. Was ich danach mache und ob ich wieder nach Freiburg zurückkomme, weiß ich noch nicht. Ich finde es aber jetzt schon traurig, wenn ich daran denke, bei [U25] irgendwann aufzuhören. Hauptamtliche zu werden, kann ich mir aber trotzdem nicht richtig vorstellen. Ich glaube, ich würde lieber noch etwas ganz anderes machen. Aber wer weiß das schon so genau?

*Elena,*

18, besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums. Mit ihren Eltern und zwei Geschwistern wohnt sie in der Nähe von Freiburg. Sie liebt Kaffee, hört gern Radio und schreibt Briefe mit zwei Insassen eines Todestrakts in den USA. Auch der Tier- und Umweltschutz interessiert sie, sie schaut die Serie »Whale Wars« und ist schon ihr ganzes Leben Vegetarierin. Elenas voller Name und ein Foto von ihr stehen nicht im Buch, um ihre Klienten zu schützen. www.u25-freiburg.de


Elenas Text (hier in gekürzter Form) ist dem Buch "Jetzt tu ich was" entnommen (Beltz & Gelberg).

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Autorin / Autor: Elena, (C) Beltz & Gelberg; Bild: Daniela Burger ; Beltz & Gelberg