Mit Lippenstift für Naturwissenschaft begeistern?

Europäische Kommission ruft Girlie-Video zur Bewerbung wissenschaftlicher Studiengänge zurück

Es gibt Klischees, die sind einfach nicht tot zu kriegen. Eines davon ist, dass man Mädchen am besten ansprechen und überzeugen kann, wenn man ihnen mit High-Heels, Lippenstift und Cat-Walk-Style à la Germanys next Topmodel vor der Nase herumwedelt.
Das Viral-Video "Science: it's a girl's thing" ist - oder besser war - Teil einer Kampagne der Europäischen Union, die mehr Mädchen und Frauen für eine Karriere in den Naturwissenschaften gewinnen will. Die Kommission wollte mit dem poppig aufgemachten Filmchen offenbar besonders zeitgemäß daherkommen: drei hübsche Mädchen in kurzen Röckchen räkeln sich in Modelposen wie für ein imaginäres Cover-Shooting, Puderquasten explodieren und verwandeln sich in geheimnisvoll blaue Nebelschwaden über einem Erlenmeyerkolben, Moleküle zerspringen und kullern durch die Gegend wie Perlen einer Kette oder Bubble-Tea auf Ecstasy, das Ganze rosa bis quietschbunt eingefärbt und unterlegt mit einem treibenden Tecnobeat. Der männliche Wissenschaftler - seriös im weißen Kittel und mit Mikroskop - beäugt die Science-Anwärterinnen mit dem typisch skeptischen Jury-Blick. Sehen so etwa die Wissenschaftlerinnen von morgen aus?

Warum nicht? Nichts spricht dagegen, mit High-Heels durchs Labor zu stöckeln, wenn man nicht gerade mit gefährlichen Substanzen herumlaboriert. Auch WissenschaftlerInnen dürfen schön, sexy und weiblich sein.

Das Konzept des Spots erweckt allerdings schwer den Eindruck, dass Mädchen sich nur für Wissenschaft interessieren, wenn sie als Lippenstift und Laufsteg daherkommt. Dass Technik immer und unbedingt rosa sein oder irgendwas mit Beautyprodukten zu tun haben muss, weil Mädchen sonst garantiert nichts davon wissen wollen.
Ob Werbeagenturen, die solche Videos erstellen, Frauen immer nur als dekorative, nicht als denkende Wesen begreifen können?
Am Ende schreckt dieser Spot nun auch noch die ab, die sich eigentlich für Wissenschaft interessieren, jetzt aber das Gefühl bekommen, in der Wissenschaft nur als Minirock-Beauty gefragt zu sein.

In dieser Tonart hagelte es massenhaft Kritik von Wissenschaftlerinnen, die sich in dem Rosa-Geblubber nicht wiedererkennen wollten und anderen Menschen, die erkannt haben, dass man hier wohl über das Ziel hinausgeschossen ist und die blödesten Klischees bemüht hat, um Klischees aus dem Weg zu räumen.

Der Spot wurde folgerichtig zurückgezogen, auch wenn er inoffiziell im Netz noch bestaunt werden kann. Stattdessen hat man sich offenbar entschlossen, nun Frauen zu Wort kommen zu lassen, die wirklich in wissenschaftlichen Berufen arbeiten und viele interessante Dinge zu erzählen haben. Die taugen nämlich ganz gewiss besser als Rollenmodelle für Mädchen in der Berufsorientierung als die künstlichen Beauty-Wissenschaftlerinnen im Film. Und sie begeistern mit ihren Erfahrungen, nicht mit ihrer Optik!

Wie findest du den Spot?
  • Ja spinni, 02.12.2012 20:20
    Also ich denke, dass er ziemlich gut ist. Er zeigt (wenn auch ein bisschen zu übertrieben) dass man, auch, wenn man extrem mädchenhaft ist (also mit Nagellack und highheels), schlau und wissenschaftlich sein kann. Dass man aussieht wie ne Tussi z.B heißt nicht dass man dumm wie Brot ist.

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