Second Hand: Vor dem Verkauf steht die Sortierung

Alina hat „Das Gebrauchtwarenhaus“ in Velbert besucht und teilt mit euch ihre Einblicke in eine lokale Altkleidersortierung, wo Second-Hand-Kleidung auf die Aspekte Nachhaltigkeit und Soziales treffen

Als ich die riesigen Berge von grünen und weißen Säcken voll gepackt mit gebrauchter Kleidung sehe und plötzlich mittendrin stehe, bin ich kurz sprachlos. Ich hatte ja damit gerechnet, heute einer ganzen Menge von sogenannten „Altkleidern“ zu begegnen, aber das übertraf nun doch all meine Erwartungen...

Aber mal von Anfang an:
Ich befinde mich in Velbert, einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen mit circa 85.000 Einwohner:innen und bin heute hier, um mir „Das Gebrauchtwarenhaus“ anzuschauen und einen Einblick in dessen Altkleidersortierung zu bekommen. Beim Betreten wirkt es hell und freundlich – und ganz schön lebendig. Menschen aus allen Altersklassen stöbern nach den unterschiedlichsten Dingen zu kleinen Preisen. Auf knapp 2000 qm
Verkaufsfläche lässt sich hier so ziemlich alles finden – vom gebrauchten Sofa über alte Telefone und Geschirr bis hin zum Surfbrett. Und natürlich Kleidung. Und Schuhe. Und Accessoires. Sortiert nach Kategorie, Größe und Farben, liebevoll hergerichtet und dekoriert. Viel, aber dennoch übersichtlich. Eben so, dass man beim Durchschauen auch nicht den Überblick und den Spaß dabei verliert.

Foto: Ravi Sejk (Medienmalocher) - in Kooperation mit FairWertung

Kleiderberge über Kleiderberge...

Die tatsächliche Menge – oder besser gesagt Masse – wird erst ersichtlich, als ich während des kleinen geführten Rundgangs die Räume für die Spendenannahme und Sortierung sowie Lagerung zu sehen bekomme. Die Sortierung an sich ist noch recht übersichtlich. Im ersten Raum erwarten mich zudem die Kleidungsstücke, die als nächstes in den Verkauf gehen sollen – alle sortiert nach Kategorie. Das sind zwar schon viele Kleiderstangen – aber gar kein Vergleich zu dem, was mich im nächsten Raum erwartet! Hier wird die Kleidung gelagert, die erst in der nächsten Saison zum Verkauf angeboten werden soll. Ich stehe zwischen Bergen aus Kleidersäcken und egal in welche Richtung ich mich drehe – da sind noch mehr Kleidersäcke. Ich darf einen Kleidersack öffnen. Und was bekomme ich zu Gesicht? Neuwertige Kleidung, teilweise sogar ungetragen, was das anhängende Etikett verrät. Während meines Rundgangs begegnen mir noch hunderte – wenn nicht sogar tausende – weitere bunte Säcke. Ein Kleiderberg ist bereits in einen LKW geladen worden.

Mir wird erklärt, dass diese Säcke schon zu lange eingelagert und nicht verkauft wurden, sodass sie nun den Transportweg zu einem Kooperationspartner des Gebrauchtwarenhauses antreten und dort weiter verwertet werden. Schließlich kommen beinahe täglich neue Säcke voll mit Kleidungsstücken an und die müssen ja auch wieder die Chance bekommen, als neue Lieblingsstücke von Käufer:innen entdeckt zu werden.
Ich kann es kaum fassen, dass hier so viel Kleidung verpackt in Säcken liegt. Hier. In Velbert. In einem einzigen Laden. Wie viel Kleidung wohl deutschlandweit in solchen Sortieranlagen und Lagern rumliegt? Das geht über meine Vorstellungskraft hinaus...

Von der Spendenabgabe über die Sortierung zu neuen Besitzer:innen

Und wie genau funktioniert der ganze Prozess jetzt? Die Kleiderspenden werden entweder direkt vor Ort abgegeben, über die entsprechend  ausgewiesenen Altkleidercontainer bezogen oder – bei sehr großen Mengen – sogar zuhause abgeholt. Zunächst einmal müssen die Kleidungsstücke, die bis dato noch in Säcken verpackt waren, ausgepackt und gesichtet werden. Handelt es sich bei den Kleidungsstücken um noch tragbare, gut
erhaltene Kleidung oder kann aus dem Shirt maximal noch Putzlappen werden? Die Sortierung erfolgt hier nach einem ausgeklügelten System: Jede Saison bekommt eine Kleidersackfarbe zugewiesen. Das erleichtert später eine ggf. erforderliche Einlagerung; schließlich möchte kaum jemand im Hochsommer dicke Winterjacken shoppen. Zudem wird nach Art und Kategorie der Kleidung sortiert: Erwachsene, Jugendliche und Kinder, Kleider, Pullover, T Shirts, Jeans, Röcke... Alles bekommt hier seinen eigenen Kleidersack. Kleidung, die aufgrund von erheblichen Mängeln nicht mehr zum Verkauf angeboten werden kann, wird gesondert sortiert. Aber auch diese Teile wandern nicht direkt in den Müll: Über alte Decken, Handtücher und Co. freut sich regelmäßig das örtliche Tierheim; Stofffetzen und andere Überbleibsel werden zum Teil als Upcycling-Material verwendet oder aber an kooperierende Projekte oder Initiativen weitergeleitet. Ich bin begeistert, was für ein gutes Netzwerk aufgebaut wurde und wie weitreichend und nachhaltig hier gedacht wird! Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich Veränderung am besten gemeinsam und mit Kooperationen gestalten lässt.

Foto: Ravi Sejk (Medienmalocher) - in Kooperation mit FairWertung

Nachdem die Kleidung nun sorgfältig sortiert wurde, wird ausgewählt, was zunächst eingelagert wird und was zeitnah in den Verkauf kommen soll. Die Kleidungsstücke für den zeitnahen Verkauf werden aufbereitet; Waschmaschine, Bügeleisen und Kleiderbügel rufen! Bis ein Kleidungsstück schließlich zum Verkauf angeboten wird, ist es also durch mehrere sorgsame Hände gegangen und wurde mehrfach begutachtet. Qualität und Second-Hand schließen sich ja nicht aus – wie hier eindeutig bewiesen wird. Und eine gute (Vor-)Sortierung ist letztlich der Schlüssel zum Erfolg: Nur was gut sortiert ist und auch in ein paar Wochen noch gut wiedergefunden werden kann, weil es gerade nachgefragt wird, lässt sich verkaufen. Ein besonderer Service, der hier angeboten wird, ist, dass gekaufte Kleidung ebenfalls vor Ort professionell umgeschneidert und angepasst werden kann. Somit hört der Optimierungsprozess eines Kleidungsstücks hier nicht beim Kauf auf. Vollends durchdacht!

Altkleidersortierung trifft auf soziale Projekte

Ich habe das Gefühl, hier wird wirklich alles für den guten Zweck gedacht und in die Tat umgesetzt – für Mensch und Umwelt gleichermaßen! Mir wird erklärt, dass die Arbeit im Kaufhaus selbst sowie im Textilservice vor allem Menschen mit geringem Einkommen, alten Menschen, behinderten Menschen und sozialen Einrichtungen zu Gute kommt. Das Gebrauchtwarenkaufhaus ist Teil einer Beratungseinrichtung, welche als gemeinnütziger Verein anerkannt ist. Somit erfolgt die Arbeit hier nicht profitorientiert. In Zusammenarbeit mit dem Jobcenter sollen arbeitslose Menschen in des Arbeitsleben (re)integriert werden. Menschen, die aufgrund des kapitalistischen Leistungsgedankens auf dem Arbeitsmarkt keine Chance bekommen, dürfen hier ohne Leistungsdruck an einem guten und sinnstiftenden Projekt mitarbeiten. Ich bekomme den Eindruck, dass hier auch wirklich gerne gearbeitet wird; alle Personen, die ich antreffe, sind gut gelaunt und scheinen gerne an diesem Ort zu sein. Je nach persönlichen Voraussetzungen lässt sich für nahezu jede Person hier ein geeigneter Arbeitsplatz finden – sei es in der Sortierung, im Verkauf oder am Bügeleisen. Die Betreuung der Teilnehmenden an dieser arbeitsmarktpolitischen Maßnahme erfolgt durch eine Sozialarbeiterin, was noch einmal hervorhebt, dass das Miteinander und der soziale Gedanken von besonderer Bedeutung sind. Ebenso besteht eine Kooperation mit „FairVerwertung e.V.“, dem bundesweiten Zusammenschluss gemeinnütziger Organisationen, die gebrauchte Bekleidung sammeln und wieder in den Umlauf bringen. Und wie auch zuvor schon festgestellt – Vernetzung ist alles!

Ein ebenfalls gemeinschaftsbildendes und zugleich nachhaltiges Angebot sind die regelmäßig stattfindenden Upcycling-Workshops, die offen für alle sind. Hier kann man unter Anleitung aus Alltagsgegenständen wie Tetra-Paks Geldtaschen zaubern oder ein kaputtes T-Shirt in einen Einkaufsbeutel verwandeln. Es zeigt sich: Jede:r darf hier teilhaben und bekommt die Möglichkeit, etwas Sinnstiftendes zu tun!

Foto: Ravi Sejk (Medienmalocher) - in Kooperation mit FairWertung

Und was kann ich selbst verändern?

Der Besuch beim Gebrauchtwarenhaus hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie viel Kleidung ungetragen und scheinbar ungeliebt in riesigen Lagerräumen verweilt. Wenn ich an meinen Kleiderschrank denke, fallen mir auch einige Teile ein, die wohl mehr zur Deko dort hängen, als dass ich diese wirklich brauchen würde. Immer wieder kommt mir der Gedanke: Das hier war nur eine einzige lokale Altkleidersortierung von einem Gebrauchtwarenladen in einer mittelgroßen Stadt. Es ist ja gar nicht auszudenken, welche Dimensionen eine solche Altkleidersortierung in den Großstädten und Metropolen der Welt annehmen muss. Denn eins ist klar – gebrauchte Kleidung ist definitiv weltweit keine Mangelware. Ich habe das Gefühl, dass rein theoretisch jahrzehntelang kein neues Kleidungsstück mehr produziert werden müsste und trotzdem würde es für jeden Menschen ausreichend schöne und individuelle Kleidung geben. Der Besuch heute war für mich ein erneuter Weckruf: Wir müssen anfangen, jedes Kleidungsstück wertzuschätzen. Für Fast Fashion und schnelllebige Kleidung á la saisonale Modetrends gibt es eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr.
Dass man ein Kleidungsstück möglichst lange trägt und es pflegt, damit es auch nicht schnell kaputt geht, ist ja kein neuer Gedanke. Aber wir müssen uns vielleicht mehr Gedanken darüber machen, wie wir ein gut erhaltenes Kleidungsstück, was nicht mehr passt oder eben nicht mehr gefällt, nachhaltig und mit fairem Gedanken „entsorgen“ können. Ich persönlich mag dabei den Leitsatz, dass man für jeden Gegenstand, den man besitzt, eine gewisse Verantwortung trägt – und die hört eben nicht dann auf, wenn man den Gegenstand selbst nicht mehr mag. Den Gegenstand zu spenden, am besten lokal, um Transportwege zu sparen, ist eine gute Möglichkeit. Sozialkaufhäuser gibt es fast in jeder Stadt und wohl alle freuen sich über gut erhaltene Sachspenden. Der Versuch, den Kleidungsstücken auf diesem Wege eine neue Chance und somit wieder einen Wert zuzuschreiben, ist ein guter Ansatz.

Weg mit dem Image der verstaubten und altmodischen Kleidung in Sozialkaufhäusern!

Selbst im Sozialkaufhaus oder Second-Hand-Laden nach einem neuen Lieblingsteil zu stöbern, bewirkt ebenfalls Gutes und schont den eigenen Geldbeutel. Da die Einnahmen auch in das jeweilige soziale Projekt fließen, ist es eine klare Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Wir sollten wirklich stets bemüht sein, möglichst viele Kleidungsstücke solange wie nur möglich in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu halten. Denn auch „Second-Hand“-Kleidung freut sich über ein drittes oder viertes Leben – und die neuen Besitzer:innen gleich mit ihr.

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Autorin / Autor: Alina Przygoda - Stand: 2. November 2022