Und plötzlich ist alles anders
Wenn ein Freund oder eine Familienangehörige stirbt, ändert sich das ganze Leben. Nichts ist mehr so wie es war. Zwei Mädchen erzählen, wie sie nach mit dem Verlust fertig wurden.
„Dass er tot ist, dass ich ihn nie wieder sehen, nie wieder sprechen werde, – das konnte ich im ersten Moment gar nicht realisieren“, sagt Tine*. Die heute 24-Jährige erlebte vor fünf Jahren den Selbstmord ihres Freundes. Kennen gelernt hatte sie Jens drei Monate vorher. Jens hatte Krebs. „Aber das war mir egal. Ich hab mich sofort in seine sanften blauen Augen verliebt.“ Dass Jens zu diesem Zeitpunkt schon unheilbar krank war, wusste Tine nicht. Drei Monate lang waren die beiden ein Paar – auch wenn Jens immer wieder versuchte, Tine auf Abstand zu halten. Wenige Tage vor Tines 19. Geburtstag ließ sich Jens von einem Zug überrollen – ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Nach diesem selbst gewählten Tod war für Tine alles anders: „Ich habe tagelang geweint, bin immer wieder zum Friedhof gegangen und konnte es dennoch nicht begreifen.“ Sie empfand keine Freude mehr am Leben und wollte noch viel weniger daran teilnehmen. Vor allem die Reaktionen ihrer Umwelt setzten ihr zu: „Mir ist Unverständnis entgegengeschlagen. Meine Eltern konnten das nicht begreifen. Meine Freunde wollten mit meiner Trauer nichts zu tun haben. Ich habe mich zurückgezogen.“ Immer, wenn sie glaubte, ihre Einsamkeit wäre unerträglich, meinte die 20-Jährige Jens´ Gegenwart zu spüren.
Ein neuer Freund für Tine
Ein Jahr lang dauerte Tines Trauer. Mit dem Frühling kehrte ihr Lebenswille zurück: „Erst konnte ich nicht mehr weinen, schließlich hatte ich Wut auf Jens und seinen Selbstmord. Dann bin ich wieder raus gegangen – und habe mich neu verliebt.“ Tine glaubt, es war kein Zufall, dass sie ihren neuen Freund traf: „Jens hat gesagt, dass er als Schutzengel auf mich aufpassen – und dafür sorgen würde, dass ich einen Menschen treffe, der für mich bestimmt sei.“ Dieser Glaube habe ihr bei der Verarbeitung der Trauer geholfen.
Wenn der Bruder an Krebs stirbt
Eileen findet Trost, wenn sie mit ihrem verstorbenen Bruder spricht. Vor vier Jahren starb der an Knochenkrebs. „Janek war 16, als der Krebs ausbrach“, berichtet sie. Die Diagnose stellte die Familie vor eine seelische Herausforderung. Die heute 24-Jährige erinnert sich: „Wir haben zusammengehalten – gerade weil mein Bruder so optimistisch war.“ In einer Operation wurde dem damals 16-Jährigen der rechte Arm amputiert. „Janek hat dann gesagt, wir sollten ihn von nun an lieber gleich Stummelchen nennen. Das war seine Art, er konnte immer Witze machen.“ Die nächsten zwei Jahre lernte Janek mit nur einem Arm zu leben, machte sogar den Führerschein und bereitete sich auf das Abitur vor. Doch alle Zukunftspläne wurden plötzlich zu Nichte gemacht, als sich bei Janek Metastasen im Rückenmark gebildet hatten. Sechs Wochen sollte Eileens kleiner Bruder noch leben. „Er hat sogar noch seine Beerdigung geplant - als eine große Abschieds-Party mit Rockmusik.“ Janek wünschte sich als Musik „Nothing else matters“ von Metallica. Dieses Lied hört Eileen heute beim Autofahren.
Eileen fand Hilfe in einer Beratungsstelle
Mit ihren Eltern suchte sie nach Janeks Tod eine Beratungsstelle auf. Die drei machten eine Familientherapie. „Ohne diese Hilfe hätten wir nicht weiterleben können“, sagt die 24-Jährige. Auch ihr Freund half Eileen, hörte ihr zu und fing die damals 20-Jährige immer wieder auf. Heute hat Eileen gelernt, mit der Lücke in der Familie zu leben. Sie sagt: „Trotzdem werde ich meinen Bruder immer vermissen.“
Hilfe für trauernde Jugendliche
„Jugendliche trauern anders als Erwachsene“, sagt Sozialpädagogin Beate Alefeld-Gerdes. Sie arbeitet im Bremer Zentrum für trauernde Kinder. In der von der „Aktion Mensche“ geförderten Einrichtung werden Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer begleitet. „Jugendliche machen viele kurze, heftige Trauerphasen durch“, erklärt die Trauerbegleiterin. Dabei gibt es verschiedene Phasen: Erst kommt ein Schock. Der Trauernde leugnet den Tod des Angehörigen. Dann kommt eine Phase der Verzweiflung. Man weiß nicht, wie man den Verlust verkraften und wie es weitergehen soll. Schließlich tritt eine Phase der Neuordnung ein. Der Trauernde sucht nach einem Weg, wie das Leben weitergehen kann. Alefeld-Gerdes erzählt: „Bei trauernden Jugendlichen kommt die Pubertät hinzu. Da ist es sowieso schwer, über Gefühle zu sprechen. Trotzdem ist es sinnvoll, die Trauer zu zeigen und über den Verlust zu sprechen. Doch die Trauer muss auch gesehen werden.“
Wie Hilfe aussehen sollte
Eltern, Lehrer, Freunde sollten versuchen, auf die Jugendlichen zuzugehen. „Allein im Zimmer zu weinen, kann zwar auch für einige Wochen heilsam sein. Doch wenn das länger als ein halbes Jahr anhält, ist Hilfe notwendig.“ Die finden trauernde Jugendliche in Internetforen, bei Jugendpsychologen und Beratungsstellen. Im Bremer Zentrum für trauernde Kinder treffen Kinder und Jugendliche auf trauernde Gleichaltrige. Derzeitig werden hier 50 Kinder betreut, alle 14 Tage bekommen sie 90 Minuten lang Betreuung in der Gruppe. Alefeld-Gerdes berichtet: „Hier können die Kinder und Jugendlichen reden, spielen, toben und auch mal lachen.“ Für die Trauerbegleitung müssen die Kinder nichts zahlen. Darum ist das Zentrum auf Spenden angewiesen.
Autorin / Autor: Tina Groll - Stand: 2. Januar 2006