Welt-Heimat- Zuhause: Wo finde ich mich?

Dänisch oder deutsch? fruehlingsduft ist beides und findet, dass man zuhause ist bei den Leuten, die einem vertraut sind und die man liebt...

Als mein Bruder fünf Jahre alt war hat er unsere Mutter gefragt, ob er eigentlich dänisch wie sie oder deutsch wie unser Vater sei. Sie fragte ihn was er selbst fände. „Dann bin ich Däne!“ Und nach kurzer Pause: „Aber ich bin ja hier geboren… also bin ich Deutscher.“ Nochmals Pause, dann kam die Lösung: „Dann bin ich einfach beides!“ Diese kleine Geschichte zeigt, wie simpel sich die Frage nach Nationalitäten lösen lässt. In Zeiten der Globalisierung scheinen Volkszugehörigkeiten immer unwichtiger zu werden, obwohl für Viele auch das Gegenteil der Fall ist. Sie fürchten, dass regionale oder nationale Identitäten verloren gehen, und einige Länder haben sogar Quotenregelungen eingeführt, um zu verhindern, dass die Medien nur ausländische Programme verbreiten. In Frankreich gibt es zum Beispiel eine Quote für die Musik im Radio, und in der Schweiz muss jeder Sender monatlich mindestens einen Schweizer Film übertragen. Doch das Eine muss das Andere nicht ausschließen, und es gibt kein Naturgesetz, das besagt, dass man nur eine einzige nationale Identität haben kann oder darf. Im Gegenteil: Vielfalt ist eine Bereicherung, sowie in allen größeren Städten, wo Gerichte und viele andere Produkte aus fremden Ländern angeboten werden. Viele verschiedene Kulturen machen das Leben nur bunter und interessanter. Außerdem findet Globalisierung mit all ihren Vor- und Nachteilen statt, ohne dass wir sie aufhalten oder rückgängig machen können. Es ist zwar schade, dass die Menschen überall auf der Welt beispielsweise auffallend ähnlich angezogen sind, trotzdem sind die jeweiligen Identitäten sehr verschieden. Dass sich eine einheitliche globale Kultur entwickelt, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich, und es liegt an jedem Einzelnen von uns diese Möglichkeiten zur Erweiterung des persönlichen Horizonts zu nutzen, anstatt sich auf überholte Nationalvorstellungen festzulegen. Globalisierung kann uns die Freiheit geben, aus verschiedenen Kulturen das Beste auszusuchen und zu einer individuellen Mischung zusammenzufügen.

Meine beiden Brüder und ich sind hier in Köln geboren und aufgewachsen, aber auch die dänische Kultur hat schon immer eine große Rolle gespielt: unsere erste Muttersprache war dänisch, wir hatten jahrelang dänische Au-pair-Mädchen und zu Feiertagen pflegen wir immer noch dänische Traditionen. Zum Beispiel essen wir zu Weihnachten ein typisch dänisches Festmahl (mit Pflaumen gefüllte Ente oder Schweinebraten mit knuspriger Schwarte und karamellisierte Kartoffeln) und bekommen an Geburtstagen sogenannte Tudegaver, Heulgeschenke. Das sind kleine Geschenke für die, die nicht Geburtstag haben, damit sie nicht weinen müssen, weil sie nichts zum Auspacken haben. Insbesondere diese letztere Familientradition löst bei Freunden und Bekannten oft fragende Gesichter und Verwunderung aus. Außerdem verbringen wir jedes Jahr mit unserer Mutter einen Teil der Sommerferien in ihrem Heimatort in Nordjütland, um unsere Verwandten zu besuchen. Auch dort fühle ich mich immer zuhause.

*Eine Mischung aus zwei Nationalitäten*
Wie auch mein Bruder sehe ich mich weder als besonders dänisch noch deutsch an. Ich bin froh, eine Mischung aus zwei Nationalitäten zu sein, doch dabei kommt es mir nicht wirklich darauf an, aus einem bestimmten Land zu stammen. Den Vorteil sehe ich vor allem in der Erziehung, denn bilingual und mit verschiedenen Kulturen aufzuwachsen lehrt einem schon von Kindesbeinen an eine besondere Offenheit gegenüber fremden Lebensweisen. Die Mischung mehrerer Sprachen kann aber auch ziemlich verwirrend sein. Irgendwann als er klein war hat mein Bruder sich geweigert dänisch zu sprechen, „weil ich bin ein Mann!“ Der Grund war, dass wir fast nur dänische Frauen kannten, dänisch war also für ihn eine „Frauensprache“ und deutsch eine „Männersprache“. Zum Glück gab es genügend gegenteilige Beispiele, die ihm gezeigt haben, dass es nicht vom Geschlecht abhängig ist. Später hat auch er erkannt, dass es ein Vorteil ist mehrere Sprachen fließend zu können. Meine dritte Umgangssprache habe ich bei meinem Auslandsaufenthalt in der elften Klasse gelernt, als ich ein halbes Jahr in Frankreich verbracht habe. Die Offenheit, die mir schon als Kind beigebracht wurde, hat mir auch dort genützt. Dänemark hat zwar nicht unbedingt viel mit Frankreich zu tun, dennoch glaube ich, dass es mir dadurch leichter gefallen ist, mich in den französischen Alltag einzuleben. Nachdem ich mich erst einmal an die Sprache und die langen Schultage gewöhnt habe, habe ich schnell neue Freunde gefunden und französische oder familiäre Bräuche zu schätzen gelernt. So zum Beispiel die Freitagabende, an denen ich mit meiner kompletten Gastfamilie erst Lebensmittel einkaufen und dann essen gefahren bin. Auch die Süßigkeiten wurden gemeinsam ausgesucht und gekauft, doch es hat mich jede Woche aufs Neue gewundert, wie schnell sie vor allem von meinem Gastbruder gegessen wurden. Als ich immer mehr verstanden und gesprochen habe, sind meine Freunde und meine Gastfamilie mir vertrauter und wichtiger geworden. Dank ihnen habe ich meinen Aufenthalt sehr genossen, und als ich nach einem halben Jahr wieder nach Deutschland zurück fahren musste, habe ich mich zwar sehr auf meine Familie und Freunde hier gefreut, war aber auch traurig Frankreich zu verlassen: Ich hatte ein drittes Zuhause gefunden. Zurück in meinem ersten Zuhause in Köln habe ich oft darüber nachgedacht, dass es kaum eine Rolle für mich spielt, wo ich geboren bin oder wo meine Wurzeln liegen. Ich bin in Köln aufgewachsen und habe hier die meisten und die mir wichtigsten Freunde, und dies ist meine Heimat. Doch um zuhause zu sein kommt es für mich nicht auf den Ort an, an dem ich mich befinde. Viel wichtiger sind die Menschen in meinem näheren Umfeld; zuhause bin ich bei den Leuten, die mir vertraut sind und die ich liebe.

Habt ihr auch mehrere "Zuhause?"

Autorin / Autor: fruehlingsduft - Stand: 5. Januar 2012