Nur noch Gequatsche?!

Studie analysiert die politischen TV-Talkshows

Die politisch Interessierten unter euch kennen das Problem: Man möchte endlich mal hinter die täglichen Schlagzeilen schauen und sich genauer über Erneuerbare Energien, Jugendarbeitslosigkeit oder die Krawalle in London informieren und zappt sich fast die Finger wund. Über den Bildschirm flimmert überall das gleiche Szenario, eine Runde zumeist "älterer Herrschaften" antwortet zu Beginn noch brav auf die Fragen einer Moderatorin bis es den Teilnehmenden zu bunt wird und sie am Ende meist nur noch durcheinander diskutieren - ohne Rücksicht auf das Fernsehpublikum, das auf diese Weise gar nichts mehr versteht.

Weil Polit-Talkshows im Fernsehen immer mehr werden und vor allem filmische und journalistische Formate verdrängen, hat sich die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung des Themas angenommen und untersucht, welche Auswirkungen das auf uns ZuschauerInnen hat. In der Studie „ ... und unseren täglichen Talk gib uns heute!“ kritisiert der Autor Bernd Gäbler (Journalist und ehemaliger Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts) vor allem, dass die Themenwahl sich meistens am Mainstream orientiert und selten relevante gesellschaftliche Konflikte oder Umbrüche aufgreift. Talkshows trügen aus, was ohnehin „in“ sei. "Die arabischen Freiheitsbewegungen – gehen an den Talkshows völlig vorbei. Das Blickfeld ist begrenzt: Außenpolitik, Computer oder gar soziale oder ökologische Visionen kommen nicht vor". Was dagegen immer funktioniere seien Themen wie „Zwei-Klassen-Medizin“, „Pflegenotstand“ oder „Hartz IV“.

"Immer die Gleichen"

Auch die Auswahl der Gäste steht auf Gäblers Mängelliste: "In erschütternder Penetranz diskutieren die immer wieder gleichen Gäste". Es zähle nicht die Argumentation, sondern ihr Sympathiewert, ihre Fernsehtauglichkeit und ihre Schlagfertigkeit. "Im Zweifelsfall ist der Show-Wert wichtiger als die Kompetenz." Gefragt sei immer mehr der Typus des unterhaltsamen Politikers; bedeutende Künstler oder junge Wissenschaftlerinnen, praktische ReformerInnen und selbst Bürgermeister von Großstädten suche man dagegen vergebens in den Talkrunden.

Für den Ablauf benutzten die Talkshow-Redaktionen fast alle das gleiche Schema: Zuerst werde ein Konflikt in Form zweier extremer Positionen vorgestellt, danach folge der Aufruf zu Versöhnung und Zusammenarbeit, und das alles unterbrochen von „Einspielfilmen“ bis zum „Anklatscher“. Eigenschaften wie Nachdenklichkeit, Meinungen, die sich auch mal ändern dürfen, die Freude am Austausch der Argumente - all das spiele in der Polit-Talkshow kaum eine Rolle, so Gäbler.

Auch Zwischentöne suche man meist vergebens; die liebste Konstellation von PolitikerInnen in Talkshows sei im letzten Vierteljahr Union vs. Grüne, also Regierung und Opposition. Wobei die FDP - gemessen an ihrer parlamentarischen Stärke - über- und die SPD unterrepräsentiert seien. Stellvertretend für die BürgerInnen seien die JournalistInnen anwesend, pro und contra-„Experten“ und „Betroffene“ ergänzten die Runde. 

Die Studie resümiert: Die Kriterien von Talkshow-Machern sind "Quote und Unterhaltungswert, nicht Neugier auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen oder der Drang nach Aufklärung. Immer häufiger klammern sich die Talkshows als „Trittbrettfahrer“ an populäre Filme im Vorprogramm."

Die Lösung sieht Bernd Gäbler aber nicht darin, Talkshows neu zu interpretieren oder die bestehenden Formate noch weiter für unsere Sehgewohnheiten zu optimieren. Stattdessen fordert er die Sendeanstalten auf, wieder mehr zu experimentieren: "mit konkreten Themen, Jugendforen, entscheidungsnahen Diskursen, unorthodoxen Konstellationen oder sogar open-end-Debatten. Mehr Neugier, mehr Filmkunst und neue Formen der Kombination von Reportage und Diskussion würden die Bedeutung des Fernsehens für die politische Willensbildung unterstreichen." heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. Ansonsten drohe ihnen die Inflation.

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Autorin / Autor: Redaktion, - Stand: 17. August 2011