Mehr als nur Dekoration

Ästhetik bei der Bewertung von Webseiten wichtiger als gedacht

Was erwartet ihr von einer Webseite? Soll sie in erster Linie praktisch sein und  umfassend informieren oder soll sie auch stylisch und attraktiv aussehen? Dr. Meinald Thielsch von der Arbeitseinheit für Psychologische Diagnostik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), weiß: "Ästhetik spielt bei der Bewertung von Webseiten eine wichtige Rolle." Also sollen sie nicht nur praktisch, sondern auch schön sein.

Doch was ist Schönheit eigentlich? "Anders als häufig angenommen wird, sind Urteile über Schönheit keine reine Geschmacksfrage. Schönheit wird zwar von jedem individuell wahrgenommen, doch Schönheitsurteile stimmen insgesamt für eine Gruppe von Personen gut überein", erklärt Meinald Thielsch. Schönheitsurteile hätten zwei interessante Eigenschaften: Sie seien schnell und relativ stabil. So wurden Probanden Webseiten einmal 500 Millisekunden und einmal 20 mal so lange gezeigt, trotzdem stimmten die Urteile  überraschend gut überein.

Bislang kümmerten sich die ProgrammiererInnen beim Entwurf von Internet-Seiten vor allem um die Inhalte und die sogenannte "Usability", die Benutzerfreundlichkeit. Wie neue Ergebnisse aus der Grundlagenforschung und der Marktforschungspraxis zeigen, sollte die Rolle der Ästhetik als dritte Dimension aber nicht unterschätzt werden. Um das zu beweisen, erhielten 300 Testpersonen konkrete Surfaufgaben. Anschließend wurde die Wirkung der drei Dimensionen auf drei Stufen erfasst: beim ersten Eindruck, nach der Durchführung verschiedener Aufgaben, und zum Schluss sollten die Testpersonen angeben, ob sie die Seite wieder besuchen oder weiter empfehlen würden.

*Schönheit erfüllt Türöffner-Funktion*
Vor allem der erste Eindruck war offenbar ganz entscheidend davon geprägt, wie schön eine Seite empfunden wurde. Schönheit hat also die wichtige "Türöffner"-Funktion und entscheidet mit darüber, ob SurferInnen überhaupt auf einer Seite bleiben. Aber auch bei der Gesamtzufriedenheit der UserInnen spielte die Ästhetik eine große Rolle. Gleichzeitig fielen die Nutzerurteile auch positiver aus, wenn die Bedienbarkeit angenehm war und die Inhalte stimmten. Bei den Wiederbesuchs- und Weiterempfehlungen spielte die Ästhetik dann nur noch eine untergeordnete Rolle. Dabei kamen die rationalen Bewertungen eher zum Tragen.

*Hauptsache der Inhalt stimmt*
Meinald Thielsch ist überrascht, dass aber auch die Nutzerfreundlichkiet (Usability) im dritten Schritt nicht mehr bedeutend ist - vor allem der Inhalt entscheide. "Inhalt ist die alles entscheidende Basis einer Webseite. Usability ist wichtig für den Gesamteindruck, aber nicht so wichtig wie gedacht. Wenn Menschen etwas wissen wollen, sind sie anscheinend unendlich leidensfähig. Dafür ist die Ästhetik mehr als nur Dekoration", fasst er die Ergebnisse zusammen, die in einer zweiten Studie mit mehr als 500 ProbandInnen und über 40 verschiedenen Testwebseiten erfolgreich bestätigt wurden.

Farbe, Typografie, Bildsprache, Animation und Formgestaltung machen das Gesicht einer Webseite aus, wobei Farbe den größten Effekt habe. Ein tiefes gesättigtes Blau, Farbdreiklänge und der Einsatz von leerem Raum komme bei den Nutzern am besten an. Bestimmt werde das Design einer Internetseite aber letztlich durch Inhalte und die Usability, da die SurferInnen sich inzwischen an bestimmte Normen gewöhnt haben. "Form follows function, die Funktion bestimmt das Aussehen", dieses Zitat des Architekten Louis Sullivan gelte also noch immer.

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Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 17. August 2011