Soziale Mädchen, technische Jungs
Berufswahl in Europa findet immer noch nach traditionellen Geschlechterrollen statt
Obwohl sich junge Frauen von heute doch eigentlich emanzipiert und Jungs nicht mehr so machomäßig wie früher fühlen sollten, entscheiden sich viele noch immer für Berufe, die traditionelle Geschlechterrollen widerspiegeln. Das hat eine gestern veröffentlichte EU-Studie ergeben. Auch in Deutschland folgt die Studienfachwahl oft längst überholten Rollen-Mustern: der Anteil der weiblichen Hochschulabsolventen im Bereich Gesundheit und Soziales betrug 2007 fast 75 Prozent (In allen 27 EU-Staaten: 76 Prozent), im Ingenieur- und Bauwesen jedoch nur knapp 18 Prozent (EU27: 25,5 Prozent).
Die für Bildung zuständige EU-Kommissarin Androulla Vassiliou erklärte: „Der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Bildungserfolg hat sich in den letzten 50 Jahren deutlich verändert und die Unterschiede präsentieren sich heute in viel komplexerer Form. Die Lehrkräfte sind überwiegend weiblich, gestaltet werden die Bildungssysteme aber von Männern. Die meisten Graduierten sind weiblich und die meisten Schulabbrecher männlich. Wir müssen die Gleichstellungspolitik auf diese Realität ausrichten.“
Mädchen erzielen in der Regel höhere Abschlüsse und bessere Noten bei Schulabschlussprüfungen als Jungen, die häufiger die Schule abbrechen oder ein Schuljahr wiederholen. Internationale Studien zeigen, dass in rund einem Drittel der europäischen Bildungssysteme Jungen häufiger Leseschwächen aufweisen, während Mädchen eher in Mathematik schlechte Ergebnisse erzielen. Doch nur einige wenige Länder setzen dem Versagen von Jungen eine politische Schwerpunktsetzung entgegen (die Flämische Gemeinschaft in Belgien, Irland und das Vereinigte Königreich). Noch weniger Länder haben spezielle Programme, um die Lesekompetenz von Jungen und das Abschneiden von Mädchen in Mathematik und den Naturwissenschaften zu verbessern (Österreich, Vereinigtes Königreich (England).
Hauptfiguren sind meistens männlich, Frauen in der Politik nicht vorhanden
Doch wie kann man diese Verhältnisse verändern? Die EU schlägt eine bessere Berufsberatung vor und empfiehlt BerufsberaterInnen mit mehr Gender-Bewusstsein, die Stereotype von "männlich" und "weiblich" in Frage stellen können.
Gender-sensible Berufsberatung, die es derzeit nur in jedem zweiten europäischen Land gibt, richtet sich aber bislang häufiger an Mädchen als an Jungen und versucht meist, Mädchen Mut zu machen, sich für einen Beruf im Bereich Technik oder Naturwissenschaften zu entscheiden. Zwar gibt es interessante Einzelinitiativen und Projekte, aber keine nationalen Strategien gegen Geschlechterstereotype in der Berufswahl bei Jungs. Maßnahmen im Hochschulbereich sind in erster Linie darauf ausgerichtet, den Anteil an Frauen in den Studienrichtungen Mathematik, Naturwissenschaften und Technik zu erhöhen.
In fast allen Ländern studieren mehr Frauen als Männer, aber die Bereiche, in denen sie dominieren sind Bildung, Gesundheit, Pflege und Fürsorge, Geisteswissenschaften und Kunst. Die Bereiche Technik, Produktion und Bau sind dagegen fest in männlicher Hand. Rund zwei Drittel der Länder versuchen an den Unis etwas zur Gleichstellung zu unternehmen, aber obwohl sich fast alle Projekte ausschließlich an Frauen richten, sinkt der Anteil an weiblichen Universitätslehrkräften mit jeder Stufe der akademischen Karriereleiter. Nur ein Drittel der Länder hat konkrete Maßnahmen umgesetzt, um dieses Problem in Angriff zu nehmen.
*Klischeehafte Schulbücher*
Ein weiterer Kritikpunkt der Studie ist die stereotype Darstellung von Männern und Frauen in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien: "Männer sind immer noch häufiger vertreten als Frauen, die Hauptfiguren sind meistens männlich, die wenigen dargestellten Frauen haben meist typisch weibliche Berufe, in der politischen und intellektuellen Arena glänzen sie in der Regel durch Abwesenheit. Die Schulbücher zeigen stereotype Bilder von Männer und Frauen und, wie zahlreiche Forschungsprojekte gezeigt haben, gibt es kaum Materialien, in denen Stereotype aufgebrochen werden oder Männer und Frauen gleicht stark vertreten sind." heißt es in der Studie. Leider wird sich das auch nicht so schnell ändern, denn offizielle Richtlinien für Autoren von Lehr- und Lernmaterialien zu Gender-Aspekten gibt es nur in einigen wenigen Staaten, und zwar in Deutschland, Irland, Lettland, Österreich und Island. Der Grund dafür liegt zum Teil darin, dass in manchen Staaten Schulen und LehrerInnen selbst die Unterrichtsmittel aussuchen und auch den Schulbuchverlagen entsprechend große Freiheiten zugestanden werden.
Insgesamt fordert die Studie auch LehrerInnen und Eltern dazu auf, sich dem Thema noch viel weiter anzunähern und sowohl ihre eigenen Geschlechterrollen als auch die ihrer SchülerInnen/Kinder kritisch in Frage zu stellen. "Bildung ist ein machtvolles Instrument, wenn es darum geht, Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern. Die Bildungssysteme spielen daher eine wichtige Rolle bei der Förderung der Chancengleichheit für alle und bei der Bekämpfung von Stereotypen. Schulen haben die Pflicht, allen Kindern die Chance zu bieten, ihre eigene Identität, ihre Stärken und ihre Interessen zu entdecken – ohne Rücksicht auf traditionelle Rollenbilder und Geschlechterzuschreibungen." heißt es im Schlusswort des Berichts.
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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 8. Juni 2010