9 Monate Freiwilligendienst in Polen
Biefilein hat im masurischen Goldap mit Jugendlichen, Kindergartenkindern und geistig Behinderten gearbeitet.

"Witamy, witamy, serdecznie witamy!" - Nach einer 24-stündigen Fahrt in die östlicheren Breiten Europas durch sanfte Hügellandschaften, Korn- und Rapsfelder, vorbei an dunklen Wäldern und kristallnen Seen war ich angekommen im masurischen Goldap und wurde im strömenden Regen von zwei Mitarbeiterinnen des Internats, in dem ich arbeiten sollte, abgeholt. Schwarz streckten sich mir noch unbekannte Häuser entgegen, erstreckten sich leere Straßen mit ab und zu aufblinkenden Lichtern eines in atemberaubendem Tempo fahrenden Polski Fiat. Und schließlich wurde ich meiner neuen Bleibe gewahr, hier sollte ich die nächsten neun Monate meines Lebens verbringen und arbeiten. Ich hatte mich für den EUROPÄISCHEN FREIWILLIGENDIENST entschieden.
Unzensierte Einblicke in die polnische Kultur
In den nächsten neun Monaten lernte ich unser Nachbarland Polen aus einer echten, unzensierten, ungetrübten Perspektive kennen, durfte in den Genuss deftiger polnischer Speisen kommen, die Geheimnisse der polnischen Sprache mehr oder weniger entschlüsseln, den Alltag von Leuten wie Du und ich unter anderen Lebensbedingungen kennen- und vor allem verstehen lernen. Ich tapste unsicher im Dschungel, der sich "unbekanntes Terrain" oder auch "fremde Kultur" nennt, herum und langsam entwirrte sich alles.
Meine Arbeit
Und ich arbeitete. Das heißt nicht, dass ich mich "totarbeitete", es hieß einfach, dass ich versuchte, "die Steine beizutragen für den Bau der Welt" (frei nach Saint-Exupéry), ich versuchte mein bestes zu geben und die aus Alkoholiker- oder "sozial schwachen" Familien stammenden Jugendlichen im Internat mit Englischunterricht zu bereichern, mit ihnen in der Berufsschule "herumzuwerkeln" und ihnen das Gefühl zu geben, nicht wertlos zu sein. Ich arbeitete mit Kindern im Kindergarten, versuchte ihnen ein Gefühl für fremde Länder zu vermitteln, lehrte sie deutsche Kinderlieder. Und ich war gerngesehener Gast im Therapiezentrum für geistig Behinderte, in deren Werkstätten wir kräftig mitbastelten und deutsche Gerichte bastelten. "Wir", das heißt, eine französische Freiwillige und ich.
Neue Leute & sich selbst kennen lernen
An den freien Tagen und dank des Taschengeldes konnten wir die nähere und fernere Umgebung kennen lernen - uns zog es u.a. nach Warschau, Krakau, Danzig - und durch die zwei als pädagogischer Hintergrund gedachten Seminare wurde diese Reiselust noch mehr befriedigt. Ein schöner Nebeneffekt war die Bekanntschaft von anderen Freiwilligen aus ganz Europa. Und während all dessen lernte ich mich selber kennen. Ich erfuhr, wie ich in Konfliktsituationen reagiere, wie ich auf andere Menschen wirke, wie ich auf sie zugehe und wozu ich in Stresssituationen neige. Das heißt nicht, dass ich mich vorher nicht gekannt hatte, aber in so einer extremen Situation - und sei man sich des Extremen eines Auslandsaufenthalts auch nicht wirklich bewusst - lernt man sich doppelt so gut kennen.
Was bleibt
Doch auch noch jetzt, knappe zwei Jahre nach Beendigung meines EUROPÄISCHEN FREIWILLIGENDIENSTES fahre ich immer wieder gerne nach Polen. Was bleibt, sind Kontakte, menschliche Kontakte, was bleibt, ist das gewachsene Interesse an der polnischen Sprache und Kultur, und was bleibt, ist auch das Bedürfnis, noch mehr im sozialen oder pädagogischen Bereich zu tun.
Interesse geweckt am EUROPÄISCHEN FREIWILLIGENDIENST?
Autorin: biefilein - Stand: 23. Mai 2007