"Welcome to Egypt!"

pfefferminztea erzählt Geschichten über ihr Schuljahr in Aegypten

Meine Familie väterlicherseits ist von einem Übel befallen. Es heißt Fernweh. Einer meiner Ur-Urgroßväter war lange Zeit in Indien, ein anderer als deutscher Lehrer in Kairo, meine Urgroßmutter wurde in Istanbul geboren, wo ihr Vater – der Lehrer – nach seiner Zeit in Ägypten eine Stelle als Leiter der Deutschen Schule inne hatte. Bei meinem Vater schlug das Gen insofern durch, als er diverse Austauschwochen und Auslandssemester in Amerika verbracht hat. Und nun bin wohl ich an der Reihe. Ob als Erbe meines Ur-Uropas oder einfach aus "Zufall", ich war schon immer von Ägypten fasziniert, und verbringe in der Konsequenz nun ein ganzes Schuljahr an der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Alexandria.

Schleier und Turbane
Was zuerst auffällt in meiner neuen "Heimat" sind die Menschen. Schon mal rein äußerlich unterscheiden sich natürlich viele von ihnen davon, was wir so gewohnt sind: Man muss nie besonders weit gehen, um eine Frau zu treffen, die sich vollständig verschleiert hat (das heißt, sogar Handschuhe und Kniestrümpfe an hat - und das mitten im ägyptischen Sommer!) oder einen Mann, der anstatt Jeans und T-Shirt ein langes, weites, einteiliges Gewand und einen Turban trägt. Dazu muss aber gesagt werden, dass solche Trachten zwar nicht gerade selten sind, aber bei weitem nicht, wie man als unbedarfter Europäer vielleicht denken könnte, von der Mehrheit getragen werden. Zumindest nicht hier in der Großstadt Alexandria.


Mädchen am FlughafenspaceÄgyptische KlosteranlagespaceStraße in Alexandria
  

Schlichte Herzlichkeit

Aber die Kleidung macht natürlich nicht den Hauptunterschied zwischen Deutschen und Ägyptern aus. Es ist vielmehr die schlichte Herzlichkeit, mit der hier jeder behandelt wird, ob er nun ein alter Bekannter oder ein Fremder wie ich ist. Das fängt schon damit an, dass absolut jeder Ägypter, dem ich das erste Mal als "Gast aus Deutschland" vorgestellt werde, mit strahlendem Lächeln ausruft "Welcome to Egypt!", um daraufhin (soweit es die Sprachkenntnisse zulassen) sofort nachzufragen, ob ich das erste Mal in Ägypten bin, ob ich schon einmal in Alexandria war, und, und, und... Und die Herzlichkeit hört nicht etwa damit auf, sondern schlägt sich auch in einer einzigartigen Hilfsbereitschaft nieder. Der Fahrer unseres Schulbusses, der vielleicht zwei Worte Deutsch und fünf Worte Englisch spricht, was angesichts meiner Arabischkenntnisse eine Konversation ziemlich schwer macht, ließ es sich nicht nehmen, mir sofort am Flughafen von Kairo (wo ich zusammen mit den Lehrern meiner Schule, die im selben Flugzeug saßen, von ihm angeholt wurde) das Gepäck abzunehmen. Er wollte nur gerade noch zulassen, dass ich wenigstens mein Handgepäck selbst trage. Und wenn ihm jetzt einmal auffällt, dass meine Gastschwester nicht dabei ist, wenn ich nachmittags nach Hause fahre, lässt er mehr oder weniger spontan den Bus stehen und bringt mich auf die andere Straßenseite, was zugegebenermaßen beim mörderischen Alexandriner Verkehr am frühen Nachmittag ein ziemlicher Vorteil sein kann. Ich bin eben doch ein richtiges Landei.

Hier muss keiner perfekt sein

Vielleicht am überraschendsten für mich war aber das Verhalten meiner Klassenkameradinnen und anderer gleichaltriger Mädchen: es ist ja durchaus nicht so, als wären in meiner alten Klasse nur desinteressierte Zicken gewesen, aber ich bin mir ziemlich sicher, ein ausländischer Gast hätte sich erst einmal auf verlorenem Posten befunden, weil sich – entweder aus Zurückhaltung oder schlichter Gleichgültigkeit – erst mal keiner mit ihm beschäftigt hätte. Und obwohl ich ihn oder sie wahrscheinlich am liebsten endlos lange ausgefragt hätte, ich hätte doch nicht gewusst, wie ich einen ersten Kontakt herstellen sollte. Nicht so hier: die Mädchen suchen das Gespräch mit mir, ich wurde gleich am ersten Schultag noch gefragt, ob ich nicht in der Schülerzeitung mitarbeiten möchte, und wenn ich mal ein Problem habe, weil ich nicht weiß, wo dieses Klassenzimmer oder jener Lehrer zu finden ist, findet sich sofort eine, die mir hilft. Sogar wenn ich meiner Meinung nach einen relativ entschlossenen und abgeklärten Eindruck machen müsste, weil ich eigentlich genau wissen müsste, was zu tun ist – wie beispielsweise, als ich meine Schulbücher bezahlen wollte und auf die zuständige Schwester wartete – bekomme ich oft Gesellschaft von einer Klassenkameradin, die mich irgendwo alleine entdeckt hat und meint, dem Zustand müsse man abhelfen. Und es liegt bestimmt nicht nur an dem Mangel an männlichen Mitschülern – die einzigen zugelassenen SchülER an meiner neuen Schule sind die Söhne einiger Lehrer, die mit ihren Eltern umziehen mussten und ihre Ausbildung natürlich nach deutschem Lehrplan vollenden sollen –, wenn ich mich morgens nicht mehr ständig mit dem Gefühl zur Schule komme, irgendwie unpassend oder schlecht auszusehen. Es ist schwer, das zu beschreiben, aber hier gibt einem keiner das Gefühl, perfekt sein zu müssen, sondern so oder so willkommen zu sein. Bezogen auf meine alte Klasse könnte man eher sagen, ich hatte oft das Gefühl, gar nicht perfekt sein zu KÖNNEN. Möglicherweise klingt das jetzt verwirrend, aber besser kann ich es nicht ausdrücken.

Herzlichkeit ist Normalzustand
Auch untereinander sind die Ägypter sehr herzlich, was sich schon darin zeigt, dass sich zumindest Frauen meistens mit zwei überschwänglichen Wangenküssen begrüßen, um dann sofort in ein angeregtes und – für den der arabischen Sprache nicht Mächtigen – hals- und zungenbrecherisch schnelles Gespräch über was auch immer auszubrechen. Besonders nett fand ich die Äußerung einer Freundin meiner Gastschwester, die mir schon bei unserem ersten Treffen ohne Umschweife erklärte: "We know each other for ages, I love her very much." Nun geht mir das mit meiner besten Freundin genauso (wenn man davon absieht, dass ich sie noch nicht ewig kenne), aber ich konnte mir nicht verkneifen zu denken, dass eine solche Äußerung in Deutschland kaum jemand machen könnte, ohne irgendwie komisch angeschaut zu werden.

Man ist kein Exot, wenn man an Gott glaubt
Sehr angenehm finde ich auch das Gefühl, in einem Land zu leben, in dem man nicht automatisch ein Exot ist, nur weil man an Gott glaubt und ab und zu in die Kirche geht. Zwar ist das Christentum nicht besonders verbreitet hier (die Kopten, ägyptische Christen also, stellen etwa 10 Prozent der Bevölkerung), aber so groß ist der Unterschied zum Islam dann ja auch wieder nicht, meiner Ansicht nach jedenfalls. Was ich jetzt gesagt habe, bezieht sich allerdings nur auf den reinen UMSTAND des Glaubens. Darin, wie er gelebt wird, gibt es schon große Unterschiede zu dem, was ich von zu Hause gewohnt bin.

Jesus-Sticker am Kiosk
Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass es einen Bereich in der Kirche gibt, den man nur barfuss betreten darf. Dafür scheint es aber kein großes Problem zu sein, in einem Gotteshaus zu fotografieren, mit dem Handy zu telefonieren und noch einiges mehr. So lange kein Gottesdienst stattfindet, natürlich. Und sozusagen direkt neben dem Kirchenportal ist ein kleiner Kiosk untergebracht, wo buchstäblich Jesus-Sticker und Maria-Ikonen mit Coca Cola und Co. konkurrieren.

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Wie eine eigene Tochter

Autorin: pfefferminztea - Stand: 17. September 2007
 
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