Überfall
Eine Busgeschichte aus der Hauptstadt Guatemalas

Ich steige in einen knallgelben ausrangierten US-Schulbus ein, es ist vier Uhr nachmittags und ich weiß, dass ich mich in einer relativ gefährlichen Gegend der Hauptstadt Guatemalas befinde. Wir fahren vom Endpunkt Trebol aus los, alle 50 Meter wird der Bus an den Straßenrand gewunken, er hält und es steigen immer neue Passagiere dazu. Eine traditionell gekleidete Frau einige Reihen vor mir versucht vergebens, das große in Tücher gehüllte Bündel, welches sie zuvor noch auf dem Kopf getragen hatte, über ihrem Sitzplatz zu verstauen, neben mir spielt ein Jugendlicher innig mit seinem Handy, aus der Anlage des Busses dröhnt etwas zu laut Reggaeton. Wieder hält der Bus, diesmal an einer Ampel, zwei Jugendliche steigen dazu, bleiben im Eingang stehen und beginnen zu schreien. "Gib mir dein Handy, Hurensohn!"
Bewaffnet und voller Tattoos
Die zwei Jugendlichen, die den Sitzreihen nach Geld und Wertgegenstände in Beschlag nehmen, sind sicher nicht älter als 14 Jahre, aber bewaffnet und am ganzen Körper übersäht mit Tattoos. Routiniert kramen die restlichen Passagiere ihr Geld aus den Taschen, auch ich habe das für Überfälle bestimmte Geld schon in der Hand, doch bis zu mir kommen die Beiden nicht, wieder stehen wir vor einer Ampel, die Polizei ist in Sichtweite und sie stürzen aus dem Bus.
Was sind Maras?
Maras werden die Jugendbanden genannt, die vor allem junge Männer rekrutieren und durch ihre Gewaltbereitschaft und kriminellen, mafiösen Tätigkeiten bekannt und gefürchtet sind. Die Maras sind hautsächlich in Zentralamerika verbreitet, also Ländern wie Guatemala, Honduras und El Salvador, dabei beginnt ihre Geschichte woanders, nämlich in US-amerikanischen Slums. Lateinamerikanische ImmigrantInnen hatten dort in Ghettos begonnen, sich in Banden zu organisieren, nachdem sie in den 80er und frühen 90er Jahren wegen der Bürgerkriege in Zentralamerika in die Vereinigten Staaten geflohen waren. In dieser Zeit wurden auch die bekanntesten Maras, die Mara Salvatrucha und die Mara Dieciocho (Mara 18) gegründet. Als die USA straffällige Einwanderer jedoch schneller ausweisen konnten, nachdem der US-Kongress 1996 ein neues Gesetz zur Einwanderungsthematik verabschiedete (Inhalt war die effizient schnelle Abschiebung straftätig gewordener AusländerInnen, die zu mehr als einem Jahr Gefängnis verurteilt worden sind), führten die Bandenmitglieder die Mara-Tradition in ihren Heimatländern fort und gewannen stark werbend besonders von Seiten der Jugendlichen in den Armenviertel großer Städte an Zuspruch.

Warum?
Nicht nur, dass sie ihnen feste Strukturen und einen geregelten Tagesablauf bieten, wo vorher Perspektivlosigkeit und Ausweglosigkeit, Unsicherheit und Armut vorherrschten. Die Mitglieder sind gezwungen, ihren Mut und die Zusammengehörigkeit zur Gruppe in Form von Mutproben unter Beweis zu stellen. Bewaffnete Überfälle, Vergewaltigungen, Erpressungen und Bedrohungen heben ihr Ansehen innerhalb der Mara, sie sind gefürchtet und die Erwachsenenwelt, die sie zuvor im Stich gelassen hatte, zollt ihnen nun Respekt. Ihre zahlreichen selbstgestochenen Tatoos erzählen von ihren Errungenschaften. Anscheinend ist diese Macht über andere Menschen und der scheint's freie Zugang zum begehrten Geld, Waffen und Drogen besonders für männliche Jugendliche aus den sozialen Brennpunkten der Städte attraktiv, doch auch Frauen haben ihren ihnen zugestandenen Platz in den Maras. Neben den Mutproben müssen sie weitere Schikanen über sich ergehen lassen. Nicht selten werden sie von der Gruppe vergewaltigt, nachher zur Abtreibung gezwungen, die in Guatemala illegal ist und unter sehr schlechten Bedingungen durchgeführt wird. Doch auch den Mädchen, die schwanger fliehen, bietet die Gesellschaft kaum Chancen zum Neuanfang.
Versteckt unter Hemdsärmeln
Oft sind Familienväter zu sehen, deren Tatoos an ihre Vergangenheit erinnern, eine Vergangenheit, die sie mit langen Hemdsärmeln zu überdecken versuchen. Sie haben den Sprung aus der Mara geschafft, endeten nicht in Gefängnis oder als ein weiteres Todesopfer von Bandenkriegen oder Schusswechseln. Doch der Armut des Großteils der guatemaltekischen Bevölkerung konnten sie auch nicht entkommen. Die Maras wachsen kontinuierlich weiter, breiten sich immer mehr aus, bis in die ländlichen Regionen und benachbarten Länder. Von Seiten des Staates werden keine Anstrengungen unternommen, um den Ursachen entgegenzuwirken. Den Jugendlichen soll mit Hilfe der Polizei Einhalt geboten werden, was die schon genannten Ursachen, nämlich genau die Perspektivlosigkeit, Ausweglosigkeit, Unsicherheit und Armut der Jugend komplett verkennt.
Überstanden
Vor mir beginnt ein Mann zu lachen. Er hatte dem Jungen ein Handy untergejubelt, welches sowieso nicht mehr funktionierte. Die Frau, die ihr riesiges Paket resigniert auf ihrem Schoss abgelegt hatte, meint nur schulterzuckend, dass sie so alt und arm aussähe, dass ihr sowieso nie Geld abgenommen wird. Ich stecke mein Geld wieder ein und der Bus fährt mit gewohnt rasantem Fahrstil weiter.
Autorin: Sabrina Apicella - Stand: 3. Dezember 2007