Jugendkriminalität in England
Eine erschütternde Geschichte über eine brutale Begebenheit während einer Sprachreise nach Poole

Was soll das jetzt mit "youthcrime"?
Dienstag 7./8. Stunde – Englischunterricht der 9. Klasse. Grammatik abgeschlossen, keine gravierenden Vokabeln, die gelernt werden müssen. Was tun? Die Lehrer von heute haben eine Antwort: Wir reden jetzt mal über Jugendkriminalität in England! Der Ansatz ist schon ganz gut, findet ihr nicht auch? Da gibt es nur einen Haken: Wir kennen nur den freundlichen höflichen Engländer, den Mythos von einem Friede-Freude-Eierkuchen–Mensch, was soll das jetzt mit "youthcrime"?
Wen interessiert schon "englische Jugendkriminalität"?
Was heißt "breaking the law" schon, wenn kleine von Grund auf wohlerzogene Prinz Williams an jeder Straßenecke nur darauf warten, dass du sie bittest, dich über die Straße zu transportieren?? Man ist vielleicht kurz geschockt oder blättert aber auch einfach nur unter der Schulbank im neusten Playboy herum, wo einem potenzielle englische (weibliche) Jugendkriminelle vor der Nase abgedruckt werden, und das war's dann auch mit "englischer Jugendkriminalität". Denn mal ehrlich: Was interessiert uns das? Mich hätte es auch nicht interessiert - vor den Sommerferien. Aber jetzt ist es anders.
Meine Geschichte soll nicht zur Akte werden
Irgendwie ist das jetzt auch meine Geschichte und ich will mich nicht damit zufrieden geben, dass man mich und all die anderen als eine weitere Akte von Vorfällen, denen niemals nachgegangen wurde, in der Pooler Polizeiwache wieder findet. Die Sommerferien waren es also. Ja, genau - Sprachreise nach Poole, eine kleine Küstenstadt im Süden Englands, wir waren auf uns gestellt und fanden unsere neue Freiheit natürlich total super! Wir durften jeden Abend weg bis zehn - und das in einem den meisten noch ganz unbekannten Land! Man kann sich nicht vorstellen, wie erleichtert wir waren, dass wir nicht immer mit unseren Group-Leadern im Schlepptau durch Städte und Shopping Centers rennen mussten! Nur eins sagten sie uns zur Warnung: "Schaut die englischen Jugendlichen nicht an. Schaut ihnen niemals in die Augen!" Haha, haben wir uns gedacht, wir sind jetzt frei, wir machen eh was wir wollen! Und das ging genau 24 Stunden gut – danach wurden zwei Jungs auf dem Heimweg zusammengeschlagen von fünf 20-Jährigen, die mal sehen wollten, was passierte, wenn man "Hitler-guys" brutal vermöbelt. Unter unsere neue erworbene Freiheit mischte sich Angst, und wir befolgten den Rat unserer Group-Leader nur zu gut. Trotzdem mussten wir ihnen eigentlich irgendwann in die Arme laufen, ob wir wollten oder nicht, sie hingen eigentlich überall herum, und wenn wir sie nicht ansahen, suchten sich die 14 bis 20-jährigen Unterschicht-Jugendlichen eben einen anderen Grund dafür aus, uns zu schlagen und zu mobben. Wie zum Beispiel, dass wir zu laut lachten.
Am schönen Strand in Bornmouth
Es war ein Samstag Abend und wir, Jana, Anni, Larissa, Damaris und ich, fuhren mit einem riesigem Picknickkorb an den schönen Strand im nächsten Ort Bornmouth. Das ging auch alles sehr gut, wir hatten eine Menge Spaß, bis wir uns dann gegen so neun aufmachten, um mit dem Bus wieder eine halbe Stunde zurück in unser heißgeliebtes Poole zu tuckern. Als wir in den Bus einstiegen, sahen wir sofort die drei blonden Engländerinnen, die mit ihrem Handy laut Musik hörten und sich beschwerten über irgendwelche Jungs, die sie treffen wollten. Wir wollten keinen Ärger und so setzten wir uns auf den weitmöglichst entfernten Platz, der im Bus frei war. Tja, Pech gehabt…Larissa und Anni alberten mal wieder rum und schon waren sie zur Stelle: "Why are you laughing about me?" - "Where are you from?" Wir wussten nicht so genau, was zu tun war und die drei saßen inzwischen hinter uns und hielten ihre Handys an unsere Ohren. Wir waren zu fünft und doch so allein. Keine Ahnung, was zu tun. Und dann antwortete ich einfach, es war mir einfach zu blöd.
Der größte Fehler
Das war der größte Fehler, den ich hätte machen können, und sie gingen nicht so einfach darüber hinweg. Ich hatte ihnen gesagt, wir seien aus Deutschland. Punkt. Strich. Aus. Dickes fettes Fettnäpfchen… Sofort fingen sie an, sie fühlten sich belästigt, Hitlerschweine säßen vor ihnen, sie hatten nur so darauf gewartet. Und das Schlimmste war nicht mal das. Das Schlimmste war, dass es allen anderen völlig egal war. Sie sahen aus dem Fenster, unterhielten sich, starrten diskret durch uns hindurch. Ich konnte schon spüren, wie sauer ich wurde und sagte zu Jana: "Lass uns hier raus und den nächsten Bus nehmen, ich haue der gleich eine runter!" Ich hatte nicht bedacht, dass Anni sehr pünktlich nach Hause musste und als Larissa, Damaris und ich schon an der Tür waren, erklärte sie das verzweifelt. Jana meinte, es wäre zu auffällig, wenn wir jetzt nicht gingen, die Mädchen verstanden kein Wort und waren verwirrt, doch nicht lange.
Die Mädchen hatten sie im Bus verhauen
Plötzlich fingen sie an, nach Larissa zu treten und packten mir ins Haar. Ich wurde hysterisch und bat Anni und Jana, endlich mitzukommen "Ich hab ein Handy, wir können bei dir anrufen!" "Nein", sagte Jana sehr bestimmt "geh jetzt! Und warte an der Bushaltestelle vorm Co-op auf mich!" Ja, sagte ich, und wir stiegen aus. Ich hatte schreckliche Angst um meine beiden Freundinnen, und als ich endlich eine Stunde später an der Co-op Haltestelle ausstieg, war Jana völlig aufgelöst. Die Mädchen hatten sie IM BUS verhauen und keiner hatte etwas gesagt. Es waren sogar noch Jungs dazugekommen, was die Situation nicht wirklich verbessert hatte. Wir riefen bei unseren Group-Leadern und bei der Polizei an, unsere Gastmutter zeigte sich unglaublich erschüttert, während ich mit ihr sprach. Ihr fragt euch vielleicht was Jana tat. Sie sagte den ganzen Abend über nichts mehr, weinte, wollte mit niemandem reden. Sie hatte so was noch nie erlebt, das wusste ich. Es tat mir schrecklich Leid, dass sie von einem auf den anderen Moment merken musste, dass man viel zu oft allein gelassen wird auf dieser Welt, dass man manchmal gar keinen Halt mehr hat und andere nicht versteht und sich denkt, was man eigentlich hier soll. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die sind dumm und gewalttätig - und es gibt sie auch in England. Aber das, was Jana ein bisschen tröstete war, dass sie wusste, es gab - zwar nicht viele - aber doch immerhin ein paar Leute, die sie verstanden, die genug Grips hatten, um ihre Aggressionen nicht an Unschuldigen und Wehrlosen auszulassen.
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Autorin: libubble - Stand: 11. Dezember 2008