Zwischen dicken Autos und Langeweile
Mein Urlaub in Alabama

1. Teil: Ankunft- "Erst mal eine rauchen!"
Ich überquerte die kleine Brücke zwischen Flugzeug und Gangway. Stand man auf der Brücke, konnte man den Asphalt unter einem sehen, was mich schon mal sehr beunruhigte. Ich beeilte mich schnell wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte zwar keine Flugangst, aber ich war auch noch nie zuvor mit einem so kleinen Flugzeug geflogen. Es wunderte mich, dass es überhaupt eine Gangway gab und wir nicht vom Flugzeug über den Flughafen ins Gebäude gehen mussten.
Als ich das Flugzeug verließ, lief ich erstmal gegen eine unsichtbare Wand. Eine Wand aus 30 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Auf das Wetter in Alabama hatte mich meine Freundin schon vorbereitet. Aber es dann wirklich zu erleben war noch mal etwas anderes. Hinter der Gangway, also im Flughafengebäude selbst stand dann die zweite Wand aus kalter, trockener Klimaanlagenluft. Eigentlich fast noch schlimmer, denn ich fror sofort. Diese heftige Mischung aus warm und kalt sollte ich in den nächsten drei Wochen noch öfters zu spüren bekommen.
Das Gebäude war leer. Meine ca. 50 Mitreisenden hetzten an mir vorbei. Ich suchte verzweifelt nach einem Hinweisschild zum Gepäckförderband, entschließ mich aber dann erstmal einfach der Masse hinterher zu laufen. Es beunruhigte mich schon ein wenig, dass nirgendwo eine Menschenseele auf mich wartete. Ich hatte meiner Freundin meine Flugdaten durchgegeben, aber sie war nicht gerade die zuverlässigste Person. Nach einem gewaltigen Fußmarsch, der mich wunderte, denn der Flughafen sah nicht sonderlich groß aus, stand ich schließlich vor dem Ausgang. Moment mal, wo war denn mein Gepäck? Ich sah mich nach den Leuten um, die eben noch so zahlreich vorhanden waren und entdeckte sie schließlich hinter einer kleinen Kurve. Und da war auch ein Gepäckband. Leer und stillstehend. Ich wartete. Waretete und wartete. Während nach und nach alle anderen Fluggäste von Leuten abgeholt wurden, wartete ich immer noch. Ein kleiner Lichtblick erschien, als das Gepäckband sich endlich in Bewegung setzte. Natürlich waren meine beiden Taschen als aller letztes da. Ich setzte mich auf meinen großen schwarzen Koffer, stellte meine kleinere graue Reisetasche neben mich und wartete vor dem Flughafengebäude. Erst mal eine rauchen, die kommen sicher gleich, sagte ich mir immer wieder. Die Reise hatte schon turbulent angefangen.
Ein halbes Jahr zuvor buchte ich einfach mal so einen Flug nach Alabama. Erst nach und nach wurde mir bewusst, was das überhaupt hieß. Ich würde mutterseelenallein über den großen Teich fliegen. 10 Stunden lang. Doch damit nicht genug, ich musste auch noch umsteigen. Denn non Stopp von Köln nach Mobile, Alabama ging natürlich nicht. Ich fand es schon immer grausam, wenn ich mit dem Zug reiste und umsteigen musste, aber jetzt auch noch mit dem Flugzeug. Irgendwann fiel mir dann auch auf wie lang drei Wochen eigentlich sind. Drei Wochen. 21 Tage. 21 Tage getrennt von meinem geliebten zu Hause, von meinen Freunden, meinem Vater und- wahrscheinlich das schlimmste- von meinem Freund. Früher fand ich die Mädels immer schlimm, die es nicht schafften, mal ein paar Wochen von ihrem Liebsten getrennt zu sein. Damals habe ich aber auch nicht daran geglaubt mich jemals zu verlieben. Männer waren für mich eher zweckmäßig. Ich hatte schon viele Beziehungen gehabt, aber so richtig verliebt, war ich noch nie. Bei meinem jetzigen Freund ist das anders. Wir lieben uns wirklich. Hatten es aber natürlich nicht geschafft, uns das früher zu sagen. Nein, wir warteten damit bis zwei Tage vor meiner Abreise. Und dann drei Wochen getrennt zu sein, von dem Menschen, den man seit zwei Tagen offiziell liebt, war schon hart.
Aber na ja, die Reise war gebucht und ich wollte keinen Rückzieher mehr machen. Außerdem konnte ich mich noch nicht so richtig damit abfinden, dass ich, die immer unabhängig gewesen war und immer ihren eigenen Kopf hatte, plötzlich so an einem Typen hängen sollte. Schließlich stand ich mit meinem Vater, der mich netterweise gefahren hatte, am Frankfurter Flughafen, in der Schlange zum Check- In. Plötzlich dachte ich an das Visum. Das ist dieses kleine grüne Kärtchen, das man ausfüllen muss, wenn man in die Staaten reisen möchte. Und da muss man eine Zieladresse angeben. Die ich nicht hatte. Ich wusste die Adresse von meiner Freundin nicht. Panik. Ich erzählte meinem Vater hektisch, was los war. Der brach prompt auch in Hektik aus und versuchte in seinem Kopf eine Möglichkeit ausfindig zu machen, wie wir dieses kleine Problem lösen könnten. Er fand natürlich keine. Ich lief zum Infoschalter der Fluggesellschaft und versuchte der Frau in dem koketten dunkelblauen Kostüm zu erklären, was mein Problem war. Sie war nicht mehr die Jüngste. Ihr graues fusseliges Haar war zu einem chaotischen Dutt am Hinterkopf befestigt. Die kleine Halbmondbrille saß vorn auf ihrer Nase. Mit einer rauchigen Stimme, als hätte sie ihr Leben lang nur Zigarren geraucht und Schnaps getrunken, sagte sie nur: "Tja kleines, dann wirst du wohl nicht fliegen können." Ich wurde bleich. Übelkeit stieg in mir auf. Das sollte es jetzt gewesen sein? Ich war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und nach Frankfurt gefahren, um mir nun von einer desinteressierten alten Schachtel sagen zu lassen, dass ich unter diesen Umständen wohl nicht fliegen könnte? Nein! Das konnte einfach nicht sein. Schwindel überfiel mich und ich sah den verzweifelten Blick meines Vaters, der mit meinen Taschen in der Schlange stehen geblieben war.
Eine andere jüngere Mitarbeiterin bemerkte wohl meinen labilen Zustand und kam an den Schalter. "Was ist denn los?" Ich erklärte ihr, so gut ich konnte, wo das Problem lag. Mit flehenden Augen betrachte ich ihr grübelndes Gesicht. Plötzlich entspannten sich ihre Züge. Sie schien eine Idee zu haben: "Was ist denn mit der Auskunft? Wenn du den Nachnamen und den Ort in Amerika weißt, können die dir vielleicht weiter helfen." Das war eine geniale Idee! Das ich nicht von selbst darauf gekommen war. Ich bedankte mich tausendmal bei ihr und rannte zu meinem Vater, der wahrscheinlich gerne eine Schachtel Zigaretten geraucht hätte, so aufgelöst sah er aus. "Gib mir mal dein Handy. Ich ruf die Auskunft an. Vielleicht haben die ne Adresse." Tonlos gab er mir sein Telefon. Ich entfernte mich wieder von der Schlange. Mit zittrigen Händen wählte ich die Nummer und betete, dass ich Hilfe bekommen würde. Die bekam ich tatsächlich. Ich gab den Nachnamen und die Stadt an, in die ich reisen wollte und prompt bekam ich Telefonnummer und- viel wichtiger- eine Adresse! Mein Puls hatte sich wieder einigermaßen normalisiert, als ich meinem Vater sein Handy zurückgab. "Es ist alles in Ordnung, die Auskunft konnte mir ne Adresse geben", berichtete ich. Auch mein Vater beruhigte sich daraufhin wieder. Bald darauf standen wir endlich am Schalter. Ein junger Mann bat um meinen Pass und meine Reiseunterlagen. Ich händigte im das Zeug aus. Er besah sich alles ganz genau, überprüfte gefühlte hundert Mal ob das Foto im Reisepass auch tatsächlich mit meinem Gesicht übereinstimmte und beäugte dann misstrauisch meinen Koffer und meine Reisetasche. "Haben sie gepackt?", fragte er schließlich. Ich sah ihn erst etwas verdutzt an. Sah ich vielleicht so aus, als ließe ich meine Mami noch meine Koffer packen. Ich sagte nur "Ja." "War das Gepäck danach immer in ihrer Obhut? Haben sie es irgendwem zur Aufbewahrung gegeben?" Ja dem Drogendealer um die Ecke, dachte ich, entschied mich dann aber doch die Frage zu verneinen. "Wo haben sie gepackt?" "Bei mir zu Hause", gab ich knapp zur Antwort. "Hm. Und wann?" Letzte Nacht du Idiot! Ich war bis halb vier heute Morgen wach, weil der scheiß Deckel nicht zu gehen wollte! "Gestern Abend", ich lächelte freundlich. "Waren sie da allein?" Also jetzt reicht's aber! Nein mein Freund hat auf dem Bett gesessen und mit genüsslich dabei zugesehen, wie ich nackt meine Klamotten in den Koffer geschmissen habe und danach hatten wir noch ne Runde heißen Sex sie Perversling! "Nein, mein Freund war dabei." "Ist ihr Freund vorbestraft, oder liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor?" Ach jetzt wo sie fragen, er wird wegen dreifachen Mordes vom FBI gesucht! Und übrigens, die Leichen sind in meinem Garten verscharrt. "Nicht das ich wüsste", sagte ich, nicht ohne ein bisschen Belustigung in der Stimme. Er sah mich noch ein letztes Mal prüfend an, tippte schließlich meinen Namen in den PC und gab mir meine Unterlagen und mein Ticket. Mein Koffer und meine Reisetasche waren Gott sei Dank gerade noch so am Gewichtslimit. Das ist bei mir meistens so. Ich schöpfe eben gerne alles voll aus. Ich musste lächeln, als ich in Mobile vor dem Flughafengebäude saß und an diese Szene dachte. Ich schaute auf und sah meine Freundin, die mit ausgebreiteten Armen auf mich zulief. Gott sie Dank, man hatte mich doch nicht vergessen!
Fortsetzung folgt
Autorin: rosemary - Stand: 9. November 2009