Die Zukunft der Ego-Shooter
Regierung will Verbot von Killerspielen diskutieren

Rieke ist 16 und spielt täglich zwei Stunden am Tag Computer: "Strategiespiele, Rollenspiele, Taktikspiele, Adventure: Counter Strike, Warcraft, die Sims, Singels", zählt sie auf. Auch Fabian daddelt. Der 19-Jährige spielt überwiegend Ego-Shooter, mindestens drei Stunden am Tag und sagt: "Klar, die haben alle eine blutige Komponente. Aber was soll ich in meiner Freizeit machen? Ich kann lesen, TV glotzen oder eben Computer spielen." Games zu daddeln, meint Fabian, sei immerhin kommunikativ. "Ich spiele auf LAN-Parties mit meinen Kumpels oder online – mit acht Millionen Menschen. Welche Freizeitbeschäftigung kann das schon bieten?"
Bundesregierung will Killerspiele verbieten
Die neue Bundesregierung hat auf diese Frage keine Antwort, möchte aber "Killerspiele" verbieten. Im Koalitionsvertrag heißt es: "Die aktuellen Regelungen sind angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der Neuen Medien noch nicht ausreichend, um den wachsenden Gefährdungen junger Menschen auf dem Mediensektor wirksam entgegenzutreten". Darum sollen Altersgrenzen für blutige Games hinauf gesetzt und Killerspiele ganz verboten werden.
Nicht so schädlich wie Telenovelas
"Wir brauchen keinen weiteren Aktionismus. Killerspiele wie das Spiel Menhunter, in dem das Töten selbst das Spiel ist, sind heute sowieso schon verboten", meint Professor Doktor Helmut Eirund vom Studiengang Medieninformatik der Hochschule Bremen. Er findet, dass die Diskussion über die Gefahr von PC-Spielen viel zu einseitig geführt wird. "Games sind nicht so schädlich wie Telenovelas", sagt der Experte, "Bei einem guten Spiel ist man selbst der Regisseur. Da geht es um Taktik und Strategie, das fördert die Intelligenz. Die brutalen Szenen – das ist vielmehr ein Bonus, der zeigt, wie gut eine Graphikkarte ist. Games zu spielen ist sehr kommunikativ, schließlich spielen die meisten Gamer nicht allein."
Kein Alien unterwegs
Dass Spiele bei Jugendlichen zu einem Realitätsverlust führen können, sieht Eirund nicht bestätigt. Er räumt aber ein: "Das kann passieren, wenn sich Kinder autistisch mit dem Computer beschäftigen. Ich sehe aber keine Gefahr dabei, wenn kleine Kinder an Ballerspiele rankommen. Die werden sehr schnell frustriert davon sein – weil solche Spiele viel zu komplex sind. Und selbst wenn ein Zehnjähriger Warcraft spielt, wird er sehr gut zwischen virtueller und realer Welt unterscheiden können. Denn er weiß, dass ihm kein Alien begegnen wird, den er zersägen muss."
Jungen ballern - Mädchen lieben Sims
Auch bei Fabian und Rieke begann die Daddel-Leidenschaft schon früh. Mit zehn spielte Rieke mit ihrem großen Bruder Counter Strike, Fabian schoss schon 13 Jahren auf Aliens, ballerte stundenlang an Konsole und PC – bis zu sechs Stunden am Tag. Negative Auswirkungen kennt er keine: "Ich glaube nicht, dass mir das geschadet hat. Ich hab trotzdem ein gutes Abi gemacht, Freunde getroffen, Sport getrieben." Allerdings käme sein Hobby bei den meisten Mädchen schlecht an, meint er. Und zu wenig Mädchen würden sich bei den Online-Ballerspielen herumtreiben. Das findet auch Rieke. Die 16-Jährige spielt World of Warcraft immer nur in einem Mädchenteam. "Aber das erst einmal zu finden, war schon schwer. Die meisten meiner Freundinnen begeistern sich eher für die Sims oder Singles. Aber spielen – das tun alle." Diese Spiel-Leidenschaft führt oft zum Krach mit den Eltern. Fabian erzählt: "Meine Mutter konnte die Spiele nicht verstehen. Sie hat immer geschimpft, dass ich zu lange vor den Geräten sitze."
Macht Daddeln dumm?
Mehrere Studien belegen, dass Ballerspiele negative Folgen haben. So kam der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Professor Christian Pfeiffer, zu dem Ergebnis, dass brutale Games und zu viel TV-Konsum das Leistungsvermögen von Jugendlichen beeinträchtigen: Daddeln macht dumm. Und davon seien überwiegend Jungen betroffen, die sich an den Gewaltspielen berauschten. Auch Diplompsychologin Heide Kyek von der Bremer Erziehungsberatungsstelle Mitte sieht Computerspiele kritisch: "PC-Games mindern auf Dauer soziale Kontakte. Jugendliche trainieren zwar Daumen und Augen, aber mit allen Sinnen zu lernen wird nicht angeregt. Das zerstört die innere Kreativität." Jedoch ist nicht belegt, dass Gewaltspiele auch gewalttätig machen. Psychologin Kyek: "Sie können aggressiv machen. Vor allem dann, wenn sich die Jugendliche nicht mit den Inhalten der Spielen auseinandersetzen."
Spiele der Zukunft: Daddeln und Flirten
Fabian hat sich mit seinen Games auseinandergesetzt: "Spiele emotionalisieren, keine Frage. Ich merke, dass ich frustriert bin, wenn ein Spiel nicht gut läuft. Deswegen laufe ich aber nicht gleich Amok. Doch genau das ist das Bild, was in der Diskussion um Games immer wieder unreflektiert weitergegeben wird. Spiele sind nicht schädlich. Ich finde, Games zu spielen ist eine interessante und ausfüllende Freizeitbeschäftigung." Und eine, die zunehmend kommunikativer und emotionaler wird, wie Professor Eirund erklärt: "Nehmen wir die Sims – da kommt Gewalt überhaupt nicht vor. Das wird auch von Mädchen und Frauen gespielt und ist das meist verkaufte Spiel weltweit. Darin geht es um zwischenmenschliche Kommunikation, Emotionen, Werte wie Liebe und Familie. Hier ist noch ein riesiger Markt offen." So entwickelt der Wissenschaftler mit seinen Studenten und Mitarbeitern die Spiele von morgen: "Die Computerspiele von heute sind die Kinderspiele von gestern – nur virtuell und noch lange nicht so ausreift. Wir forschen daran, die Spiele wieder mobil, kommunikativer und emotionaler zu machen, Spiele, die für beide Geschlechter interessant sind." Das würden auch Rieke und Fabian gut finden. Rieke grinst: "Dann kann man Daddeln und Flirten. Cool!"
Diskutiert darüber im Forum
Autorin: Tina Groll - Stand: 24. November 2005