Frau Kirchner, kommen Sie mal zum Vorlesen?

Heute ist Weltalphabetisierungstag

Gemütlich in der Zeitung schmökern, die Gebrauchsanweisung für´s neue Handy studieren oder gar ein Buch lesen? Für vierzehn von hundert Menschen zwischen 18 und 64 Jahren ist das nicht möglich, denn sie gehören zu den 7,5 Millionen sogenannten "Funktionalen AnalphabetInnen" in Deutschland. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, haben jedoch bei zusammenhängenden – auch kürzeren – Texten schon Schwierigkeiten. Für sie ist eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verständlicherweise sehr eingeschränkt.

Ein Viertel der erwerbsfähigen Bevölkerung (13 Millionen) schlägt sich mit fehlerhafter Rechtschreibung herum, auch wenn es um durchaus gebräuchliche Wörter geht. Sie können selbst einfache Texte ohne Fremdwörter nur langsam und/oder fehlerhaft lesen und schreiben und sind nicht in der Lage, die Rechtschreibung, die sie in der Grundschule gelernt haben, umzusetzen. Aufgrund dieses "Leidens" vermeiden die Betroffenen das Lesen und Schreiben häufig.

Analphabetismus im engeren Sinne betrifft mehr als vier Prozent der Bevölkerung zwischen 18-64 Jahren. Dabei kann eine Person zwar einzelne Wörter lesend verstehen bzw. schreiben – aber bei ganzen Sätzen ist Schluss. Außerdem müssen sie auch einfache Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen, um sie zu verstehen.

Das sind die Ergebnisse der "Level-One-Studie", die die Universität Hamburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums zur Lese- und Schreibkompetenz von Erwachsenen durchgeführt hat. Die Zahlen, die bereits im Frühjahr 2011 veröffentlicht wurden, sind Grundlage vieler Medien-Berichte zum heutigen Weltalphabetisierungstag.

Wer nun aber denkt, dass Analphabetismus nur eine Frage des Bildungsabschlusses ist, irrt: zwar haben tatsächlich fast ein Fünftel der Funktionalen AnalphabetInnen keinen Schulabschluss, aber 12 von Hundert haben auch eine höhere Bildung. Männer sind übrigens mit 60,3 Prozent in der Mehrzahl.

Schlecht lesen und schreiben können übrigens nicht nur die "Jüngeren" (13 % sind zwischen 18 und 29 Jahren); ein Drittel der "Funktionalen AnalphabetInnen" sind zwischen 30 und 49, 16 Prozent sogar zwischen 50 und 64.

Der Weltalphabetisierungstag wird jedes Jahr am 8. September begangen. Er soll darauf aufmerksam machen, dass weltweit etwa 860 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben können. Er wurde von der UNESCO im Anschluss an die Weltkonferenz zur Beseitigung des Analphabetentums im September 1965 in Teheran ins Leben gerufen und am 8. September 1966 erstmals begangen. Zahlreiche Veranstaltungen weisen weltweit auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Analphabetismus hin.

Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und Studierende des Fachbereichs Design der Fachhochschule Münster haben in diesem Jahr einen Werbespot produziert, um in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.

*Sieh dir den INFO-Spot "Chefetage" an:*

Autorin / Autor: Redaktion; - Stand: 7. September 2011