Wer war eigentlich Indira Gandhi?

Sie war von 1966 bis 1977 und von 1980 bis 1984 Premierministerin Indiens und regierte mit eiserner Hand

Das Leben von Frauen und Mädchen in Indien ist nicht leicht. Die brutalsten Auswüchse von Frauenunterdrückung sind, dass Mädchen getötet werden, weil sie Unglück für die Familie bedeuten, und es gibt sogar vereinzelt noch die Witwenverbrennung, obwohl sie längst gesetzlich verboten ist. Viele Frauen dürfen von ihrer Familie aus keinen Beruf ausüben und müssen ein Leben als Hausfrau führen. Eine Frau, die Karriere macht, ist oft noch eine Seltenheit. Dabei wurde der Subkontinent in den 70er und 80er Jahren von einer Frau beherrscht: Indira Gandhi. Sie war die mächtigste Frau Indiens.

Indira war nicht die Ehefrau von Mahatma Gandhi

Wer in Indien den Namen Gandhi trägt, hat gute Karrierechancen. In den 30er und 40er Jahren kämpfte ein Mann namens Mahatma Gandhi für die Befreiung Indiens von den Kolonialherrschern, den Engländern. Mahatma Gandhi gilt noch heute als Legende. Er hatte eine Vision von einem freien, unabhängigen Indien. 1948 wurde er von einem Widersacher erschossen. Sechs Jahre zuvor heiratete Indira Priyadarshini Nehrus einen Mann namens Feroze Gandhi. Der war zwar mit dem Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi gar nicht verwandt, aber der Name Gandhi sollte Indira Glück, Einfluss und Macht bringen und sie zur ersten und mächtigsten Frau Indiens machen.

Politisch geboren, politisch erzogen, dann Hausfrau geworden
Indira Gandhi war die Tochter von Jawaharlal Nehrus, des ersten Premierministers von Indien. Als einziges Kind des Premierministers sollte sie Bildung haben und so wurde sie auf Schulen und Universitäten in Indien und Europa geschickt. Politik, das war ihr Ding. Aufgewachsen im Dunstkreis der Macht, lernte sie schnell, wie man Politik macht. Mit gerade einmal 21 Jahren wurde sie 1938 zur jüngsten Abgeordneten im Indischen Nationalkongress gewählt. Macht und Politik waren Indiras große Liebe. Ihre zweite große Liebe war Feroze Gandhi, den sie 1942 mit 25 Jahren heiratete. Obwohl dieser mit Mahatma Gandhi nicht verwandt war, half ihr die Namensgleichheit bei ihrer weiteren Karriere. Doch erst einmal versuchte sich Indira als gute indische Haus- und Ehefrau. Sie bekam zwei Söhne, Rajiv und Sanjay, und zog sich aus der Politik zurück. Doch lange konnte Indira ein Leben als Hausfrau und Mutter nicht ertragen – die Politik, die Macht übten einen magischen Einfluss auf sie aus. Sobald ihre Söhne das Teenageralter erreicht hatten, wurde kehrte Indira in die Politik zurück.

Von der Hausfrau zur Machtpolitikerin
1959 wurde Indira Gandhi Präsidentin des Indischen Nationalkongresses, der wichtigsten Partei Indiens. Ein Jahr später, 1960, starb ihr Mann und 1964 ihr Vater. Von nun an war Indira männer- und schrankenlos. Ihre Kinder waren erwachsen, sie konnte sich ganz und gar der Macht widmen. Zunächst wurde Indira Presse- und Informationsministerin im Kabinett von Shastri, dem Nachfolger ihres Vaters. In dieser Position hatte sie großen Einfluss. Aber das reichte ihr nicht: Sie wollte es ganz an die Spitze schaffen. Dieser Wunsch sollte nur zwei Jahre darauf wahr werden, als Premierminister Shastri starb. Am 18. Januar 1966 wurde Indira Gandhi die erste weibliche Fraktionsvorsitzende der Kongresspartei und damit zur Premierministerin Indiens gewählt.

Indiras Herrschaft: Unbarmherzig und hart
Indira herrschte hart und umbarmherzig. Die Macht war ihr ein und alles – und diese auszubauen und zu verteidigen, war Indiras Ziel. Indien lernte eine Machtpolitikerin kennen, die sogar vor Wahlfälschungen nicht zurückschreckte. Das war im Jahr 1971. Angeblich hatten Indira Gandhi und ihre Partei die Wahlergebnisse fälschen lassen, um zu gewinnen – so der Vorwurf ihrer politischen GegnerInnen. Indira sei korrupt, kaltherzig, unfair. Es kam zu einem Gerichtsverfahren. Am 12. Juni 1975 sprach der Hohe Gerichtshof von Allahabad im Bundesstaat Uttar Pradesh sein Urteil: Indira Gandhi wurde schuldig gesprochen, die Wahlergebnisse gefälscht zu haben. Korruption jedoch konnte man ihr nicht nachweisen. Das Gericht entzog ihr ihren Sitz im Unterhaus und schloss sie für sechs Jahre von der Kandidatur zur Wahl aus. Indira sollte zurücktreten.

Von der Machtpolitikerin zur Alleinherrscherin
Aber sie weigerte sich. Überhaupt stand es um ihre Politik nicht so gut: Indien litt unter einer Wirtschaftskrise, in den einzelnen Landesteilen gab es Unruhen! Die Machtpolitikerin rief den Notstand aus und brachte damit, wie sie sagte, die Demokratie zu einem "völligen Stillstand". Unter Berufung auf Artikel 352 der indischen Verfassung räumte sie sich selbst außerordentliche Vollmachten ein. Sie machte sich zu einer Alleinherrscherin. So konnte sie ihre politische Gegner bekämpfen. Indira ließ führende Politiker gegnerischer Parteien verhaften und stellte Zeitungen, die kritisch berichteten, einfach den Strom ab. Um die Unruhen im Land in den Griff zu bekommen, schränkte sie die Freiheiten der BürgerInnen ein. Diskussionen gab es nicht mehr. Immer mehr härtere Gesetze wurden von Indira durchgedrückt. Sie wusste, dass Politik ein schmutziges Spiel war, und sie spielte es ohne jegliche Rücksicht auf Verluste. Der Ausnahmezustand dauerte ganze 19 Monate! Unterstützung fand Indira bei einer anderen, sehr einflussreichen Frau Indiens: Mutter Teresa! Der Verlust und der Wiedergewinn der Macht 1977 ließ Indira Parlamentswahlen abhalten. Sie glaubte, immer noch beliebt zu sein und meinte, mit legal gewonnen Wahlen, ihren Machtanspruch behaupten und ihre Gegner für immer zum Schweigen bringen zu können. Leider entpuppte sich dieses Vorhaben als Denkfehler: Indira verlor die Wahlen hoch. Jetzt gab es keine Möglichkeit mehr, an der Macht zu bleiben. Indira musste abdanken. Ihr Nachfolger wurde Morarji Desai, ebenfalls ein Machtpolitiker wie Indira, aber mit wenig politischer Begabung. Nach nur drei Jahren seiner Herrschaft war Indien zerütteter denn je. Unruhen erschütterten das Land. Neuwahlen wurden ausgerufen und Indira Gandhi stellte sich erneut zur Wahl. Sie gewann mit großem Erfolg - diesmal auf legale Weise.

Das Ende einer Herrscherin
Eigentlich hätten die kommenden Jahre für Indira eine gute Zeit werden können. Indien wusste, dass sie hart durchgreifen konnte – was sie auch tat, um die Probleme, die ihr Vorgänger verursacht hatte, in den Griff zu bekommen. Im nordindischen Bundesstaat Punjab gab es bürgerkriegsähnlichen Zustände: Dort kämpften Hindus gegen Sikhs. Indira Gandhi versuchte, den Konflikt mit aller Härte zu bekämpfen – sie ging gegen die Sikhs vor, die in Indien zwar eine große religiöse Gruppe, aber trotzdem eine Minderheit sind. Indiras Armee stürmte das größte Heiligtum der Sikhs, den Goldenen Tempel vom Amritsar. Für die Sikhs war das eine sichere Kriegserklärung. Am 31. Oktober 1984 wurde Indira Gandhi von ihrer Sikh-Leibgarde ermordet. Erschossen – wie ihr Namensvetter Mahatma Gandhi. Indira Gandhi ging in die Geschichtsbücher als eine Frau ein, die sich einfach das nahm, was sie wollte: Die Alleinherrschaft über einen ganzen Subkontinent. Mit einer Reihe anderer weiblicher Politikerinnen wie der britischen Premierministerin Margret Thatcher oder der israelischen Premierministerin Golda Meir gilt Indira Gandhi als Beispiel dafür, dass Frauen in Machtpositionen ebenso kaltherzig sein können wie Männer.

Autorin: Tina Groll - Stand: 4. April 2006
 
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