Abenteuer Ausland – Indien
Tina macht ein Auslandssemester in Manipal. Was sie dort erlebt, schreibt sie in lockeren Abständen der LizzyNet-Redaktion

Dass Indien anders ist als Deutschland, wusste ich, als ich die südindische Universitätsstadt Manipal als Ziel meines Auslandssemesters wählte. In Indien benutzt man kein Toilettenpapier, sondern wäscht sich mit der bloßen Hand. Der Verkehr ist möderisch, weil die Inder ihren Führerschein an einem Tag erwerben und nur ein Bruchteil aller indischen Vehikel überhaupt den deutschen TÜV passieren würde. Generell läuft in Indien vieles nach dem Überlebensrecht des Stärkeren. Ausgenommen sind davon nicht einmal die heilige Kühe, die eigentlich überall sehr gelassen herumstehen und sehr gerne achtlos weggeworfene Plastikabfälle fressen. Nur die stärksten Rinder überleben das. So wie nur die stärksten Europäer die indische Hitze, das scharfe Essen oder das unreine Wasser überleben. Weil ich das alles wusste, meinte ich, gut vorbereitet zu sein.
Gruppenbild mit giftgrünem Schrubber und roten Haaren
Doch als ich indischen Boden betrat, traf mich der Kulturschock und ich lernte zwei Lektionen. Die erste war folgende: In Indien gibt es mausgroße Kakerlaken. Zunächst ekelte ich mich. Dann beschloss ich, das Problem auf die deutsche Art zu lösen: Erst einmal ausgiebig putzen. Dafür musste ich Putzmittel besorgen, was sich als schwierig erwies. Denn in Indien sehen die Geschäfte anders aus. Barackenartig reihen sich Wellblechhütten an Bambushäuschen. Vor diesen stapeln sich Plastikeimer, Plastikbesen, Plastikschrubber. Vornehmlich in Giftgrün. Ich entschied mich sehr schnell für einen Schrubber und wollte schon das Portemonnaie zücken, als der Verkäufer darum bat, mich fotografieren zu dürfen. Denn ein weißes Mädchen mit roten Haaren, die einen giftgrünen Schrubber kauft - das ist in Indien eine echte Attraktion. Binnen weniger Minuten hatte der Verkäufer mit seinem Mobiltelefon die komplette Nachbarschaft zusammengetrommelt, die sich für den Schnappschuss dicht um mich und den giftgrünen Schrubber drängte.

Biochemikerin?
Dabei interviewten mich die Inder. Die brennende Frage des Verkäufers: "Machst du mit dem Schrubber Krebsforschung?" Mir war nicht ganz klar, wie das wohl funktionieren könnte. Also schüttelte ich den Kopf. Schon hatte ein anderer einen besseren Vorschlag: "Sie ist bestimmt eine Biochemikerin, die den Schrubber für ein geheimes Experiment in ihrem Labor benötigt. Das sieht man doch an ihren roten Haaren." Eine einleuchtende Antwort, die aber nicht alle zufrieden stellte. Einig waren sich alle Umherstehenden darüber, dass ein weißes Mädchen auf keinen Fall den Schrubber dazu brauchen könnte, selbst zu putzen. Bald schon war ich selbst davon überzeugt und so nickte ich eifrig, als ein Dritter vorschlug, ich könnte den Einfluss der Putzmittel auf die DNA von Kakerlaken untersuchen wollen.
Ein lehrreiches Date
Meine zweite Lektion war nicht ganz so lustig. Ich lernte, dass die indischen Jungs richtige Schurken sein können: Eines Abends kam ein Student auf mich zu und warnte mich eindringlich: "Du wirst verfolgt!" Tatsächlich bemerkte ich, dass ein sehr kleiner, sehr alter Inder mit Schnauzbart und Lendenschurz mir schon die ganze Zeit folgte. Die Geschichte des Studenten jedoch verängstigte mich: Dieser alte Mann sei ein Drogenbaron und außerdem in Prostitutionsgeschäfte verwickelt. Er würde mich kidnappen, ausrauben, mit Drogen voll pumpen und auf den Straßenstrich schicken. Aber zum Glück hätte mein "Retter" das ja noch gerade rechtzeitig bemerkt und sei nun hier, um mich davor zu schützen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Schon kam der Drogenboss und Zuhälter im Lendenschurz auf uns zu und musterte mich grimmig. Erst jetzt bemerkte ich, dass dieser mindestens 90-jährige Greis kaum in der Lage sein konnte, mich zu verschleppen. Als mein "Retter" auch noch nach einem Date fragte, begann ich zu ahnen, dass ich beinahe einem miesen Trick aufgesessen wäre. Eine beliebte indische Methode, das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen. Aber nicht mit mir: Zwar vereinbarte ich ein romantisches Treffen für den nächsten Abend. Aber an meiner Stelle schickte ich den alten Mann. Der war nämlich ein Bettler und für einige Rupien bereit, mit meinem "Retter" einen Abend zu verbringen. Ich denke, das war ein sehr lehrreiches Date.
Autorin: Tina Groll - Stand: Stand Juni 2006