Eine Zukunft für Paddamma

Eigentlich müsste sie jeden Tag auf dem Feld oder im Haus arbeiten, aber dank der Hilfsorganisation PLAN kann sie die Schule besuchen und sich auf ihren Beruf vorbereiten.

Paddamma ist die älteste von fünf Kindern eines Saisonarbeiters und Kleinbauers. Als solche müsste die 15-Jährige eigentlich jeden Tag auf dem Feld oder im Haus arbeiten. Aber Paddamma besucht die neunte Klasse. Später will sie vielleicht Lehrerin werden. Dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen könnte, dafür sorgt die Hilfsorganisation Plan International. Denn Paddammas Familie wird gefördert.

Eine Lehmhütte mit Strohdach, zwei Räume, zwei Ziegen, ein Stückchen trockenes Ackerland – das ist der Besitz von Paddammas Vater Phakirappa. Damit muss er zwei Frauen und fünf Kinder versorgen. Aber das bisschen Land und die zwei Ziegen können die Familie kaum satt machen. Trotzdem schickt Phakirappa seine Kinder nicht zum Arbeiten. Er schickt sie zur Schule.

An diesem Nachmittag sitzt Paddamma mit ihrer 13-jährigen Schwester Yamanamma im kühlen Schatten hinter der Hütte. Die Mädchen machen ihre Hausaufgaben, als sich ihr Bruder Gundappa dazugesellt. Der Siebenjährige hat die Taschen mal wieder voller bunter Murmeln. Vor allen mit denen, die ihm seine Pateneltern aus Deutschland mitgebracht haben, spielt er am liebsten. "Typisch Gundappa!" denkt Paddamma und streicht ihrem kleinen Bruder über das kurze, schwarze Haar. Dann drückt sie ihm Stift und Heft in die Hand. Zeit, für die Schulaufgaben. Dass die Kinder Zeit für die Schule haben, verdanken sie der Hilfsorganisation Plan International, von der die Familie gefördert wird. Das ermöglicht den Kindern nicht nur eine Schulbildung, sondern ihrem ganzen Dorf Entwicklungshilfe und der Dorfgemeinschaft auf Dauer ein besseres Leben.


Überlebenskampf im Wüstensand

Die Familie lebt im Dorf Karnatagiri, in einer der ärmsten Regionen Indiens. Mit gerade einmal 40 Regentagen im Jahr, ist diese Region eine der trockensten! Zwischen Januar und Juni sieht die Region wie eine rote Sandwüste aus: Karg, heiß, arm. Dürres Vieh grast die letzten vertrockneten Halme ab, aus den Brunnen kommt kaum noch Wasser, auf den brach liegenden Feldern wirbelt ein heißer Wind roten Staub auf, der in den Augen beißt.
Nur ein Drittel aller Einwohner sind gerade mal so reich, dass sie keine Unterstützung brauchen. Fast niemand hier kann lesen oder schreiben. Medizinische Versorgung gibt es kaum, viele leiden unter Kinderlähmung oder AIDS. Nicht einmal alle Dörfer verfügen über einen Brunnen. Toiletten gibt es gar nicht. Die Menschen benutzen ein nahe gelegenes Feld. Umweltverschmutzung und Bodenerosion erschweren die harten Lebensbedingungen. Dürreperioden sind für die Menschen eine wirtschaftliche Katastrophe. Dann müssen sie ihr Vieh oder Besitz verkaufen, um überleben zu können. So haben sie keine Möglichkeiten, Geld zu sparen. Sie leben in einer ständigen Von-der-Hand-in-den-Mund-Situation.

Der Pate – einmal ganz anders
Seit zehn Jahren ist Samuha Plan als indische Schwestern-Organisation von Plan International hier im Koppal und Raijur District tätig. Samuha ist Sanskrit und heißt: "Eine gut organisierte Gemeinschaft". Sponsoren aus dem Westen fördern ausgewählte, arme Familien aus den unterentwickelten Dörfern. Das Ziel ist es, über Kinderpatenschaften einer ganzen Region Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Ein Sponsor, oder Pate, bei Plan International, kann eigentlich jeder werden. Es gibt sogar Schulklassen, die ein Kind in einem Entwicklungsland fördern. Eine Kinderpatenschaft kostet 25 Euro im Monat, ein Teil des Geldes ermöglicht der Familie Schulbildung und medizinische Versorgung, der Rest fließt in die örtlichen Hilfsprojekte und kommt somit allen Dorfbewohnern zu Gute. Die Paten schreiben sich Briefe mit ihrer Patenfamilie und erhalten regelmäßige Berichte von der Hilfsorganisation. Einige Paten besuchen ihr Patenkind sogar vor Ort. Die Patenschaft ist aber zeitlich begrenzt. Sie endet mit der Volljährigkeit des Kindes oder wenn sich die Lebenssituation im Dorf verbessert hat. Narayanswamy M., Programmkoordinator der Samuha Plan-Projekte im Koppal District, erzählt: "Bei uns werden 4106 Kinder gesponsert. Diese Förderung finanziert unsere ganze Arbeit."


Von A- wie Aidsprojekt bis Z- wie Zahnbehandlung

Die Projekte von Samuha Plan sind so vielfältig wie die Bedürfnisse der Region: Brunnen- und Schulbau, Aus- und Weiterbildung für Lehrer, Gesundheitsvorsorge und AIDS-Programme, Nahrungssicherung und Existenzförderung, Rechte für Frauen, Behinderten und Kinder, Umweltschutz. Dabei beschäftigt Samuha Plan nur 50 EntwicklungshelferInnen und SozialarbeiterInnen.
Narayanswamy M. sagt: "Wir brauchen aber nicht mehr Mitarbeiter. Denn wir beziehen die Menschen vor Ort in die Arbeit mit ein und übergeben ihnen die Projekte irgendwann ganz. Schließlich soll unsere Hilfe in die Selbständigkeit führen."

Die Schwächsten zu den Stärksten machen
Dabei setzt Samuha vor allem darauf, den Schwächsten Einflussmöglichkeiten zu geben. Dies fängt schon bei den Kinderpatenschaften an: Die Samuha-MitarbeiterInnen wählen aus den ärmsten Dörfern der Region die ärmsten Familien aus. Vorrang haben behinderte Kinder und Mädchen, erst dann werden die Jungen der Familie als zu Patenkind ausgewählt. Patenbetreuerin Babitha Tauro sagt: "So sehen alle Dorfbewohner, dass die behinderten Kinder und Mädchen dem Dorf etwas einbringen. Das stärkt ihr Ansehen." Den Schwächsten Einfluss zu geben, stärke die Gemeinschaften am effektivsten. Darum sind in den Entscheidungsgremien der Dorfgemeinschaften auch immer Frauen, Behinderte und  Mädchen vertreten, die großen Einfluss auf die Entscheidungen über die Hilfsprojekte haben.


Mallamma teilt ihrem Mann das Geld ein…

Die meisten Frauen haben in dieser Region ein hartes, einsames Leben. Sie arbeiten auf den Feldern oder im Haus. Ihre Ehemänner bestimmen, was gemacht wird. Sie haben keine Möglichkeit, Geld zu verdienen, zu sparen oder darüber zu entscheiden. Aber wenn die Frauen Geld sparen können, können die Familien Missernten, Krankheiten und andere harte Zeiten besser verkraften. Darum hat Plan International Mikrokredite für Frauen und Frauenbanken eingeführt: Mindestens fünf Frauen bilden eine Gruppe, in der jede Teilnehmerin abwechselnd einen Kredit erhält – aber alle für sich bürgen müssen. So können die Frauen viel Geld ansparen, wichtige Anschaffungen machen oder eine Arztbehandlung bezahlen. Paddammas Mutter Mallamma gehört einer solchen Gruppe an. Sie erzählt: "Wir haben sogar begonnen, Handarbeiten zu machen." Die Frauen nähen Taschen, Bettbezüge, Portmonnaies – und verkaufen sie. Mallamma sagt: "Jetzt komme ich aus dem Haus und verdiene sogar mein eigenes Geld. Jetzt teilte ich meinem Mann das Geld ein! Mein Leben hat sich verbessert."

Durgappa lernt laufen
Auch das Leben von Durgappa hat sich verbessert. Der junge Mann erkrankte an Kinderlähmung. Jahrelang saß er bewegungslos vor der Hütte seiner Eltern, bis ihm Samuha Plan eine ärztliche Behandlung ermöglichte. Durgappa bekam Gehhilfen und lernte, wieder zu laufen. Außerdem nahm er an einem Training für Behinderte teil. In der Werkstatt von Samarthya, dem Behindertenprogramm von Samuha, wurde Durgappa ausgebildet. Jetzt stellt er selbst Gehhilfen her und will seine eigene Werkstatt eröffnen, um anderen Gelähmten das Laufen zu ermöglichen. Dazu braucht er nicht mehr als ein paar Stöcke, etwas Eisen und Plastik. Denn um Krücken herzustellen, genügen die einfachsten Materialien. Darüber hinaus engagiert sich Durgappa in Behindertengruppen. Er findet es wichtig, dass die Behinderten für ihre Rechte kämpfen.


Eine Kindheit für KinderarbeiterInnen

Das sollen auch die KinderarbeiterInnen lernen, die an den Samuha-Sommercamps teilnehmen. Für jeweils eine Woche hat die Hilfsorganisation in den verschiedenen Dörfern der Region bunte Zeltcamps aufgebaut – wie in Chikkathandi. 75 Kinder bekommen hier Schulunterricht und die Möglichkeit, Kind zu sein. Ihre Betreuer sind einige Sozialpädagogen und ältere Jugendliche, die angelernt wurden. Ein buntes Programm steht für die Kinder bereit: Körbe flechten, Drachen basteln, Stickereien, Malen, Basteln, Theaterspielen, Sport. Die vielen bunten Bastelmaterialien sind für diese Kinder etwas ganz besonderes: Viele malen das erste Mal in ihrem Leben mit Buntstiften oder bauen einen Drachen. Kindheit findet im Leben dieser Kinder kaum statt. Die elfjährige Huligemma beispielsweise musste ihre Eltern verlassen, um die Großmutter und deren Vieh zu versorgen. Der 12-jährige Mohamad Rafi muss seinen Eltern auf dem Feld helfen. "Meine Eltern bauen Getreide an. Aber nur kleine Kinderhände können es richtig ernten. Darum muss ich jeden Tag arbeiten und darf nicht mehr zur Schule gehen", erzählt er.
Paddamma findet es traurig, dass es vielen anderen Kindern und Jugendlichen noch nicht ganz so gut geht wie ihr. Sie ist froh, dass sie ihre Kindheit genießen kann und nicht arbeiten muss. Mittlerweile ist es Abend geworden. Ihr Vater ist vom Feld zurück und hat sich zu seinen Kindern gesetzt. Mutter Mallamma bringt ihrer Familie Zitronensaft mit Kardamom. Während die Sonne hinter der kleinen weißen Lehmhütte im trockenen, roten Sand versinkt, nimmt Paddamma einen großen Schluck aus ihren Messingbecher. Sie lächelt.


Mehr Infos gibt es unter

>

www.plan-deutschland.de

Hier gibt's noch mehr zum Thema

>

Das Indien-Special

Autorin: Tina Groll - Stand: 15. Mai 2006
 
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