An meine Käfigvögel

Allerdings glaube ich, meine Käfigvögel, dass der Mensch den Schlüssel zu seiner Käfigtür schon von Geburt an besitzt, er muss nur willig sein ihn zu benutzen.

Neulich saß ich in meinem Zimmer, allein. Es regnete, und ich sah den Wolken dabei zu, wie sie sich über der Erde ausschütteten. Da fiel mir die Karikatur "Neid" ein, und ich identifizierte mich mit ihr. Zwar stand niemand sehnsüchtig blickend vor meinem Fenster. Jedoch sah ich mit gleicher Sehnsucht hinaus, wie der Vogel im Käfig, ohne es bemerkt zu haben. Dabei wusste ich noch nicht einmal, warum ich so sehnsüchtig den Himmel betrachtete. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass auch ich in einem Käfig lebe, zwar ist es ein unsichtbarer Goldkäfig, aber seine Grenzen sind deutlich zu spüren. Und wer träumt nicht davon, dorthin gehen zu können, wohin ihn seine Füße zu tragen imstande sind, wohin ihn sein Herz verschlägt? Doch das sind die Sehnsüchte eines Käfigvogels, der sein Leben zu monoton und langweilig findet, als dass es an Freiheit grenze. Er sehnt sich nach Abenteuer, nach dem Unbekannten, da er ja schon immer in diesem Käfig lebt. Er sehnt sich nach der Freiheit, die er niemals erfahren durfte, so grenzenlos wie der Himmel. Er wünscht sich, seine eigenen Entscheidungen treffen zu können, ohne an irgendwelche Grenzen zu stoßen. Er will Neues kennen lernen, er will seinen Horizont erweitern. Denn auch die Enge eines Käfigs kann töten. Zwar nicht immer auf physische Weise, allerdings emotional. Immer wieder das Gleiche zu erleben, zu tun, durchzumachen, Tag für Tag, Jahr für Jahr, ohne Abwechslung, macht einen auf Dauer psychisch krank. Viele kommen mit dieser Situation nicht klar, sie stellen sich die Frage "Soll das wirklich schon alles gewesen sein?" und verfallen in tiefe Depressionen, die im schlimmsten Fall zu Selbstmord führen können...

Wie denkt der "freie Vogel"?
Doch wahrscheinlich denkt der "freie" Vogel anders. Er will Wärme und Sicherheit, da er jetzt, draußen im Regen und in der Kälte, um sein Leben und Überleben kämpfen muss. Denn in der wirklichen Freiheit, in der jeder auf sich selbst gestellt ist, wo keine Regeln existieren, gilt ein Gesetz: Das Gesetz des Stärkeren. Wer schwach ist, stirbt. Wenn man sich dies verdeutlicht, ist es doch verständlich, dass der "freie" Vogel das Leben eines Käfigvogels wünscht. Doch da es für Käfigvögel wie uns meist doch unvorstellbar ist, ein Beispiel: Stellt euch vor, der Staat als solcher wäre abgeschafft. Die Gesetze existieren nicht mehr. Man kann tun und lassen, was man will. Man bräuchte nicht zur Schule zu gehen, keine feste Arbeitsstelle zu suchen. Man könnte sich seine Träume erfüllen. Aber warum könnte man das alles? Warum bräuchte man keine Arbeit? Keine Ausbildung? Wahrscheinlich noch nicht mal Geld? Weil es kein Eigentum mehr gibt. Was bedeutet, man muss mehr denn je um seine Besitztümer kämpfen, und seien es auch nur eine Flasche Wasser und ein Stück Brot, die einen das Überleben eines Tages sichern. Man hat nicht einmal das Recht zu leben, wenn man sich das Überleben nicht sichern kann. Und wer nicht imstande ist, seinem Gegenüber stand zu halten, stirbt dann irgendwann, sei es eines natürlichen Todes oder doch durch Totschlag oder Mord. Aber ob dem Käfigvogel diese Konsequenzen bekannt sind? Ob der frei lebende Vogel von der bedrückenden Enge eines Käfigs weiß? Dies alles kann ich nicht beantworten, ich bin schließlich kein Vogel. Allerdings glaube ich, meine Käfigvögel, dass der Mensch den Schlüssel zu seiner Käfigtür schon von Geburt an besitzt, er muss nur willig sein ihn zu benutzen. Ob ich eines Tages meinen benutzen werde? Da bin ich mir sicher, irgendwann werde ich meine Käfigtür öffnen und zum Horizont der untergehenden Sonne entgegen fliegen.


Autorin: whitedragon
 
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