Lieber auf´s Gymnasium

TürkInnen wollen hohen Bildungsabschluss

Wieviel türkisch-stämmige KlassenkameradInnen habt ihr? Je nach dem, welche Schule ihr besucht, wird die Antwort wahrscheinlich sehr unterschiedlich ausfallen, denn die Bildungssituation vieler türkischer Kinder in Deutschland ist nach wie vor schlecht. An Haupt- und Sonderschulen sind sie oft in der Mehrzahl, auf dem Gymnasium kann man sie mit der Lupe suchen. Schuld daran sind allerdings nicht die Eltern oder die Kinder selbst, wie viele immer wieder vermuten, denn die Motivation, einen guten Bildungsabschluss für ihre Kinder zu erlangen ist bei türkischen Familien sehr hoch. Das belegen neue Forschungsergebnisse des Soziologen Dr. Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim.

In seiner Doktorarbeit zeigt Dollmann unter anderem: Haben türkische Kinder gleiche Noten und einen ähnlichen sozialen Hindergrund wie deutsche Kinder, wechseln türkischstämmige Grundschulkinder häufiger auf anspruchsvollere Schultypen, als Kinder ohne Migrationshintergrund. Vor allem die Hauptschule wird seitens der Türkischstämmigen möglichst gemieden, sofern es die Noten zulassen. "Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch für den Besuch des Gymnasiums im Vergleich zur Realschule feststellen", erklärt Dollmann. "Hier ist der Unterschied zwischen Deutschstämmigen und Türken allerdings weniger deutlich. Insgesamt aber streben die türkischen Grundschulkinder und ihre Familien bei gleichen Voraussetzungen eher die höheren Schularten an."

Hauptschule oder Gymnasium: Hier wird Bildungskarriere eingeleitet

In jedem Fall sei die Entscheidung, welche Schule ein Kind nach der Grundschule besucht besonders richtungweisend. "Oft werden an dieser Schnittstelle schon die Weichen für die gesamte Bildungskarriere und damit auch für die Berufsaussichten gestellt", betont Dollmann. "Mich hat interessiert, ob Türken aufgrund ihrer allgemein oft schlechteren Bildungssituation auch zurückhaltendere Bildungsentscheidungen treffen. Damit würden sie ihre bestehenden Nachteile selbst noch verstärken. Das ist aber nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Der Bildungsanspruch ist in den türkischen Familien höher, dies wirkt bestehenden Defiziten also entgegen."

Warum türkische Schulkinder dennoch nach der Grundschule eher auf der Hauptschule landen, liegt nach Aussage des Soziologen an der nachteiligeren Kompetenzentwicklung in den ersten Schuljahren und an der schlechteren sozialen Situation der Kinder: Viele Eltern können ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen, weil sie selbst ein geringeres Bildungsniveau haben und ihnen dadurch weniger Geld zur Verfügung steht, um zum Beispiel Nachhilfe zu finanzieren.

Sind Bildungsempfehlungen der Lehrkräfte diskriminierend?

Den von vielen PädagogInnen und Migrantenorganisationen geäußerten Vorwurf, dass die Bildungsempfehlungen der Lehrkräfte türkische Kinder diskriminieren, wollte Dollmann in seiner Studie nicht bestätigen. Die LehrerInnen bezögen sich bei ihrer Entscheidung für oder gegen den Besuch einer höheren Schulart bei allen Kindern gleichermaßen auf die schulische Leistung und die soziale Herkunft der Kinder.

Für seine Untersuchungen verwendete der Wissenschaftler Daten des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderten MZES-Projekts "Bildungsentscheidungen in Migrantenfamilien". An den Befragungen, die zwischen 2005 und 2007 an insgesamt 98 Kölner Grundschulen durchgeführt wurden, nahmen 1376 türkischstämmige Kinder und Kinder ohne Migrationshintergrund sowie deren Eltern teil.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemiteilung - Stand: 24. August 2010