Teufelskreis Essstörungen
Anfangs belächelte ich die vom Diätwahn besessene Michelle, und hin und wieder neckte ich sie mit Kommentaren, wenn sie im Sommer ein Eis aß oder ein Stück Kuchen...
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Ein Viertel der deutschen Jugendlichen leidet unter Essstörungen. Politiker treten den Kampf an und wollen verhindern, dass dürre Models weiterhin in den Medien präsent sind. Wie aber gehen Betroffene mit dieser Reaktion um, und wie erleben sie die Bilder der Hungernden?
Nein so bin ich nicht
Neben mir sitzt Michelle (23). Sie is(s)t nicht mehr oder nur noch wenig. Ihre Knochen sind sichtbar. Mit leerem Blick schaut sie sich um und berührt eine Pflanze. "Schau, wie klein und zart sie ist, so möchte ich auch gerne sein" sagt sie. "So bist du" antworte ich und spüre etwas Falsches gesagt zu haben. "Nein! So bin ich nicht. Ich bin fett!"
Wenn ihr mich berührt, werden meine Knochen euch verletzen
Michelle leidet seit ihrer Jugend unter Essstörungen. Sie hat Therapie hinter sich und war voller Hoffnung und Freude. Es ging aufwärts. Familie und Freunde freuten sich mit ihr. Freuten sich, Michelle wieder lachen zu sehen. Sie ansehen zu können, ohne dabei ständig ihre spitzen Knochen als Bedrohung zu empfinden. "Lasst mich in Ruhe, berührt mich nicht, wenn ihr mich berührt, werden meine Knochen euch verletzen." Ich dachte allerdings immer nur: Wenn ich sie berühre, wird sie zerbrechen und ich sie verletzen.
Ihre erste Diät machte sie mit 15
Damals wollte das Normalgewichtige Mädchen lediglich drei Kilo abnehmen. Sie schaffte vier und war voller Stolz. Lange hielt die Diät nicht an und sie nahm zu. "Gegen den Jojoeffekt kann ich etwas tun. Ich muss nur stark sein und mich besser kontrollieren." Anfangs belächelte ich die vom Diätwahn besessene Michelle, und hin und wieder neckte ich sie mit Kommentaren, wenn sie im Sommer ein Eis aß oder ein Stück Kuchen. "Hast du tatsächlich geglaubt, dass es drin bleibt?" fragte sie mich, als ich sie das erste Mal in der Klinik besuchte. Ich nickte und sie begann zu weinen: "Ich auch! Aber die Waage zeigte mir jedes Mal, welche Sünde ich tat, wenn ich verbotene Nahrung zu mir nahm. Es musste raus. Verstehst du, es musste raus."
Kalorien zählen und stündliches Wiegen
Sie erbrach. Heimlich. Und nicht nur die verbotenen Lebensmittel. Beinahe jede Mahlzeit wurde die Toilette runtergespült. Wenn nicht durch selbst induziertes Erbrechen, dann mithilfe von Abführmitteln. Zusätzlich trieb sie Sport. Kalorien zählen und stündliches Wiegen war ihre Tagesordnung. Sind wieder Tagesordnung.
Ausreden
"Ich kann nicht mit zu der Party, ich wollte gerade Joggen gehen, heute geht es mir nicht besonders gut, das Buch ist gerade sehr spannend." Ausreden - rausreden. Das Buch liegt unberührt auf dem Nachttisch, den Jogginganzug zieht sie lediglich zum Wiegen aus und der Computer läuft 24 Stunden. Die Seiten, auf denen sie surft sind ein Geheimnis. Nur für Menschen, die mich verstehen und denken wie ich. "Pro-Ana?" frage ich vorsichtig. "Was hast du gegen Ana? Sie ist eine sehr gute Freundin. Sie versucht nicht mich nicht ständig zum Essen zu bewegen, außerdem esse ich." Sie nimmt einen Keks und steckt ihn in den Mund. Kaut und steht auf. "Du kannst ihn in die Serviette spucken" sage ich nur und versuche vorsichtig mit ihr über die Seiten zu reden. Ich versuche sie zu verstehen. Versuche zu verstehen, was in ihr und den anderen 17.600 Essgestörten - Jugendlichen vor sich geht.
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Wer bist du?
Zeige ihr Fotos, auf denen sie gelacht hat und halte daneben einen Spiegel. "Wer bist du?" flüstere ich. "Wo ist die lebensfrohe Michelle?" Spüre, dass meine Worte bei ihr ankommen. Spüre ihre spitzen Knochen, die mir zeigen, dass ich sie nicht berühren soll und fühle ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme. Sie zittert, als ich sie umarme. Sie zittert, weil meine Umarmung ihr trauriges, leeres Herz zum Leben erweckt. Sie zittert, weil sie friert. Sie friert, weil sie nicht mehr is(st).
Warum bestraft du dich selbst?
Warum, würde ich sie gerne fragen. Warum bestraft du dich selbst? Obwohl ich die Antwort bereits kenne. "Schlank sein, ist IN." "Du bist schlank." "Nein, ich bin nicht schlank. Die hier sind schlank." Michelle steht auf und zeigt mir eine Box. Von Außen ist die Box karg und leer, wie ihr Gesicht. "Diese Box hat mir Ana geschenkt." Ana, ihre innerlich beste Freundin. Ana, die, die ihr jeden Tag sagt, wie fett sie ist. Ana, die ihr jeden Hoffnungsschimmer nimmt und mich oft verzweifeln lässt. Michelle kennt meine Einstellung zu dieser Freundin und deshalb darf ich die Box auch nicht anfassen. "Hier, die sind schlank." Michelles leere Augen beginnen zu leuchten und ein trauriges Lächeln huscht über ihre Lippen. In der Box befinden sich aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder von anderen Magersüchtigen und dürre Models.
Wirkung von Bildern
Bilder, gegen die sich Politikerinnen wie Familienministerin Von der Leyen, Gesundheitsministerin Schmidt und Forschungsministerin Schavan wehren. Im Artikel "Regierung sagt Magersucht den Kampf an" äußerte sich Anette Schavan: "Wenn falsche Bilder und Vorbilder wirken, dann kann es auch gelingen, dass Bilder des Authentischen wirken."
Die Bilder in der Box wirken: Bei mir schockierend, bei Michelle faszinierend.
Autorin: Frauke Weyhausen - Stand: 26. Februar 2008
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